# DE 0018
Kommen wir also zurück auf das Zitat von Damasio im letzten Kommentar. Der Autor nimmt - kurz zusammengefasst - an, dass die Sprache ein Mittel ist um in Sätzen und Wörtern nicht sprachliche Element zu symbolisieren. Man muss davon ausgehend dann annehmen, meint er, dass demnach auch Wörter wie 'ich' und 'wissen' ein nicht sprachliches Element symbolisieren. Zum Beispiel das nicht verbale Selbst und vielleicht das Bewusstsein, eventuell von diesem Selbst, dann eben als Selbstbewusstsein.
Wir haben schon in einem früheren Kommentar (# 0013) die Theorie von Saul Kripke um die Namen für natürliche Arten gestreift. Der Idee, dass man das Atomgewicht von Gold wissen muss, damit man weiß, was das Wort 'Gold' bedeutet, stellt PFN nun entgegen: "...zu wissen, was ein Wort heißt besteht in der Fähigkeit es richtig zu verwenden." Und gegen die Idee von Damasio, Wörter seien Übersetzungen von geistigen Bildern, führen Bennett und Hacker an:
Das Kriterium ob eine Person weiß, was ein Wort bedeutet, ist nicht, dass das richtige Bild in seinem Geist auftaucht, jedesmal, wenn er das Wort verwendet oder jedesmal, wenn er hört, dass das Wort verwendet wird. Wenn es so wäre, so wüssten wir nie ob eine andere Person die Wörter, die wir verwenden, versteht, ohne ihn zu fragen, welches geistige Bild er hat, wenn er sie hört. [PFB S. 339]
Wenn dies aber so wäre, dann müsste schon sicher sein, dass der Befragte die Frage so versteht wie wir; das heißt, die Frage kann nicht entschieden werden, weil sie das Resultat voraussetzt. Zum Beispiel: "Was für eine Farbe stellst Du Dir vor, wenn Du das Wort 'blau' hörst?" - "blau." Nun ist der Mann aber ein Ausländer, der rot und blau verwechselt. Entdecken können wir das aber erst, wenn er von einem roten Auto behauptet, es sei blau: Er verwendet das Wort ´blau' falsch, und nur so wissen wir, dass er die Bedeutung dieser Farbwörter verwechselt. Was er sich dabei vorstellt, ist vollkommen belanglos für die Frage.
Damasio sagt auch in dem neulichen Zitat, dass Sätze und Wörter Übersetzungen von etwas anderem sind, das schon vorher da ist. Der Biologe Gerald Edelmann und der Neurowissenschaftler Julio Tononi denken dabei ähnlich an Begriffe, die ganz ohne Zuhilfenahme der Sprache das Werk unserer Gehirnoperationen sind. Die Verwirrung, auf der dieses Bild beruht, ist etwas komplexer, und wir werden nächstens versuchen sie nach und nach zu entwirren.
Monday, May 23, 2016
Saturday, May 21, 2016
DE 0017 Sprache und Denken
# DE 0017
Uns sind zuletzt zwei Fragen übrig geblieben, (i) nach dem Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Denken (und der Sprache) und (ii) ob wir unter Bewusstsein wenigstens in einem beschränkten Sinn verstehen können, was Dennett versucht metaphorisch zu beschreiben. Wenden wir uns zunächst der ersten dieser beiden Fragen zu.
Bennett und Hacker sagen hierzu folgendes:
Das Bewusstsein von Tieren, die verschieden von uns selbst sind, setzt offensichtlich nicht den Besitz einer Sprache voraus. Und die rudimentären Formen de Denkens, die man den höheren Tieren zuschreiben kann, bedürfen nicht der Beherrschung einer Sprache. Entschieden menschliche Formen von Denken, Wollen und Affektion jedoch sehr wohl. [PFN, S. 337; PFN steht für Philosophical Foundations of Neuroscience]
Im Anschluss daran führen sie Gesichtspunkte mehrerer berühmter Wissenschaftler an, die in ihrem Standpunkt an unsere ursprüngliche Frage erinnern, die ganz am Anfang dieser Diskussion stand. Zum Beispiel Antonio Damasio, der berühmt wurde mit seinem Buch Descartes' Error, macht folgende Feststellung:
Sprache, das heißt, Wörter und Sätze, ist eine Übersetzung von etwas anderem, eine Umwandlung von nicht-sprachlichen Bildern, die Einheiten, Geschehnisse, Beziehungen und Schlussfolgerungen vertreten. Wenn die Sprache für das Selbst und für das Bewusstsein auf die gleiche Weise arbeitet, wie es für alles andere arbeitet, das heißt, indem es mit Hilfe von Worten und Sätzen symbolisiert, was zuerst in nicht-verbaler Form besteht, dann muss es ein nicht-verbales Selbst und ein nicht-verbales Wissen davon geben, wovon die Wörter 'ich' oder 'mir' oder der Ausdruck 'ich weiß' die geeignete Übersetzung in jede beliebige Sprache sind. [Zitiert nach PFN aus: Damasio, The Feeling of What Happens; Heinemann, London, 1999; p. 107]
Ein damit verwandter aber etwas anderer Einwand gegen die Idee, dass die Sprache für das menschliche Denken eine wesentliche Voraussetzung ist, kommt unter anderen von Roger Penrose mit Berufung auf Albert Einstein und andere, in dem Sinn, dass bei mathematischen Operationen die Wort-Sprache eher stört; um seine physikalischen Theorien aufzustellen verlasse er sich vollkommen auf mathematische Symbole.
Ich habe schon angedeutet, dass die Annahme falsch ist, die Bedeutung der Wörter sei das Objekt, von dem wir sprechen; obiges Zitat von Damasio beruht zum Teil auf dieser Annahme. Wir werden uns demnächst ausführlicher damit beschäftigen müssen, weil es ein Irrtum ist, der sich durch die gesamte Geschichte der Moderne zieht, mindestens seit Hobbes und Locke, wie PFN zeigt, und deshalb wohl ein tief sitzendes Vorurteil vertritt. Das Zitat ist aber auch noch in anderer Hinsicht Ausdruck begrifflicher Verwirrung.
Leichter ist es zu zeigen, dass der Einwand von Penrose (oder von Einstein, wenn er als einer gemeint sein sollte) kein wirklicher Einwand ist. Mathematische Symbole sind Abkürzungen, die auf Definitionen in der Alltagssprache beruhen (ich bin sicher, dass sich Einstein darüber vollkommen im klaren war). Es wäre in der Tat unmöglich einen komplizierten mathematischen Beweis in Alltagssprache zu formulieren oder über ihn nachzudenken. Aber das macht den mathematischen Symbolismus nicht unabhängig von der Sprache. Und wir wollen ja auch nicht vergessen, was wir schon mehrfach betont haben: die Abhängigkeit menschlichen Denkens von der menschlichen Sprache besteht ausdrücklich nicht darin, dass wir still zu uns selber sprechen, wenn wir denken. Ganz im Gegenteil: normalerweise wissen wir, was wir sagen wollen, und sagen es dann direkt heraus, ohne es vorher (oder gleichzeitig) still zu uns selber zu sagen. Wie ich schon zu Beginn versucht habe zu verstehen zu geben, niemand, dass ich wüsste, verteidigt einen so absurden Standpunkt.
Uns sind zuletzt zwei Fragen übrig geblieben, (i) nach dem Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Denken (und der Sprache) und (ii) ob wir unter Bewusstsein wenigstens in einem beschränkten Sinn verstehen können, was Dennett versucht metaphorisch zu beschreiben. Wenden wir uns zunächst der ersten dieser beiden Fragen zu.
Bennett und Hacker sagen hierzu folgendes:
Das Bewusstsein von Tieren, die verschieden von uns selbst sind, setzt offensichtlich nicht den Besitz einer Sprache voraus. Und die rudimentären Formen de Denkens, die man den höheren Tieren zuschreiben kann, bedürfen nicht der Beherrschung einer Sprache. Entschieden menschliche Formen von Denken, Wollen und Affektion jedoch sehr wohl. [PFN, S. 337; PFN steht für Philosophical Foundations of Neuroscience]
Im Anschluss daran führen sie Gesichtspunkte mehrerer berühmter Wissenschaftler an, die in ihrem Standpunkt an unsere ursprüngliche Frage erinnern, die ganz am Anfang dieser Diskussion stand. Zum Beispiel Antonio Damasio, der berühmt wurde mit seinem Buch Descartes' Error, macht folgende Feststellung:
Sprache, das heißt, Wörter und Sätze, ist eine Übersetzung von etwas anderem, eine Umwandlung von nicht-sprachlichen Bildern, die Einheiten, Geschehnisse, Beziehungen und Schlussfolgerungen vertreten. Wenn die Sprache für das Selbst und für das Bewusstsein auf die gleiche Weise arbeitet, wie es für alles andere arbeitet, das heißt, indem es mit Hilfe von Worten und Sätzen symbolisiert, was zuerst in nicht-verbaler Form besteht, dann muss es ein nicht-verbales Selbst und ein nicht-verbales Wissen davon geben, wovon die Wörter 'ich' oder 'mir' oder der Ausdruck 'ich weiß' die geeignete Übersetzung in jede beliebige Sprache sind. [Zitiert nach PFN aus: Damasio, The Feeling of What Happens; Heinemann, London, 1999; p. 107]
Ein damit verwandter aber etwas anderer Einwand gegen die Idee, dass die Sprache für das menschliche Denken eine wesentliche Voraussetzung ist, kommt unter anderen von Roger Penrose mit Berufung auf Albert Einstein und andere, in dem Sinn, dass bei mathematischen Operationen die Wort-Sprache eher stört; um seine physikalischen Theorien aufzustellen verlasse er sich vollkommen auf mathematische Symbole.
Ich habe schon angedeutet, dass die Annahme falsch ist, die Bedeutung der Wörter sei das Objekt, von dem wir sprechen; obiges Zitat von Damasio beruht zum Teil auf dieser Annahme. Wir werden uns demnächst ausführlicher damit beschäftigen müssen, weil es ein Irrtum ist, der sich durch die gesamte Geschichte der Moderne zieht, mindestens seit Hobbes und Locke, wie PFN zeigt, und deshalb wohl ein tief sitzendes Vorurteil vertritt. Das Zitat ist aber auch noch in anderer Hinsicht Ausdruck begrifflicher Verwirrung.
Leichter ist es zu zeigen, dass der Einwand von Penrose (oder von Einstein, wenn er als einer gemeint sein sollte) kein wirklicher Einwand ist. Mathematische Symbole sind Abkürzungen, die auf Definitionen in der Alltagssprache beruhen (ich bin sicher, dass sich Einstein darüber vollkommen im klaren war). Es wäre in der Tat unmöglich einen komplizierten mathematischen Beweis in Alltagssprache zu formulieren oder über ihn nachzudenken. Aber das macht den mathematischen Symbolismus nicht unabhängig von der Sprache. Und wir wollen ja auch nicht vergessen, was wir schon mehrfach betont haben: die Abhängigkeit menschlichen Denkens von der menschlichen Sprache besteht ausdrücklich nicht darin, dass wir still zu uns selber sprechen, wenn wir denken. Ganz im Gegenteil: normalerweise wissen wir, was wir sagen wollen, und sagen es dann direkt heraus, ohne es vorher (oder gleichzeitig) still zu uns selber zu sagen. Wie ich schon zu Beginn versucht habe zu verstehen zu geben, niemand, dass ich wüsste, verteidigt einen so absurden Standpunkt.
Friday, May 20, 2016
DE 0016 Sprache und Denken
# DE 0016
Was Bennett und Hacker Dennett und den meisten Geistesphilosophen vorwerfen, ist, in großen Zügen, dass, was unter dem Namen Bewusstsein zusammengefasst wird, nicht einem bestimmten Phänomen entspricht, für das es Sinn machen würde eine gemeinsame materielle z.B. neurophysiologische Ursache zu suchen und noch viel weniger zu hoffen, dass man eine finden wird. Beschreibt man dieses fiktive Phänomen z.B. in metaphorischer Sprache, wie Dennett vorschlägt, dann schafft man allenfalls die Illusion, von einem bestimmten Phänomen zu sprechen; und diese metaphorische Sprache verwandelt sich dann in ein ernstes Hindernis wirklich zu verstehen, wovon wir sprechen, wenn wir das Wort 'Bewusstsein' in unseren Sätzen verwenden, und diese Art von bildlicher Beschreibung garantiert dann, dass dieses Phänomen weiterhin ein Mysterium bleibt, an dem sich noch viele Generationen von Geistesphilosophen die Zähne ausbeißen werden.
Für unser ursprüngliches Problem ist dieses Resultat wichtig, weil wir zu dem Schluss gekommen waren, dass es ohne Bewusstsein kein Denken in unserem Sinn gibt; denn wir mussten willkürliche von unwillkürlichen Entscheidungen unterscheiden, wenn wir das Denken (ohne hier eine Definition zu versuchen; d. h., was immer wir darunter ansonsten verstehen mögen) von automatischen, biologischen Reaktionen trennen wollten, die eventuell sogar ganz ohne Zentralnervensystem ablaufen könnten, da wir uns sonst womöglich genötigt sehen könnten auch einem Thermostaten Gedanken zuzuschreiben. Die genaue Verbindung zwischen Denken und Bewusstsein müssen wir erst noch untersuchen. Was wir zunächst tun wollen ist, untersuchen, ob es nicht einen Kern von Bedeutung für den Begriff 'Bewusstsein' gibt, den wir versuchen könnten mit neuronalen Aktivitäten zu identifizieren, und dass es Bewusstsein in diesem, beschränkten Sinn ist, von dem Dennett und seine Weggefährten reden.
Der gesamte Teil III von Philosophical Foundations of Neuroscience ist der er Analyse des Begriffs 'Bewusstsein' und seiner Behandlung in den zeitgenössischen Neurowissenschaften gewidmet;ziemlich genau 120 Seiten. Davor haben die Autoren in Teil I die geschichtlichen und begrifflichen Wurzeln der philosophischen Probleme untersucht, in die sich die zeitgenössichen Neurowissenschaften vielfach verstricken, von Aristoteles bis John Eccles. Teil II widmet sich der Untersuchung der Verbindung der menschlichen Fakultäten und der Neurowissenschaften, worunter gegen Ende dieses Abschnitts auch das kognitive Vermögen und Begriffe wie 'Glauben', 'Denken', 'Vorstellen und geistige Bilder' fallen, von dem wir den Abschnitt über das Denken kurz gestreift haben. Der vierte und letzte Teil des Haupttextes behandelt dann methodologische Fragen.
Teil III behandelt im Kapitel 9 den Unterschied zwischen "intransitivem und transitivem Bewusstsein", im Kapitel 10 "Bewusste Erfahrung, Geisteszustände und Qualia", im Kapitel 11 "Rätsel um das Bewusstsein" und im Kapitel 12 schließlich "das Selbstbewusstsein". Ein Unterkapitel ist unserer ursprünglichen Frage gewidmet: "Gedanke und Sprache".
Als nächstes werden wir also versuchen in großen Zügen herauszufinden, ob die Diskussion dieser Fragen für Dennett einen Ausweg lässt, wie wir ihn oben angedeutet haben.
Was Bennett und Hacker Dennett und den meisten Geistesphilosophen vorwerfen, ist, in großen Zügen, dass, was unter dem Namen Bewusstsein zusammengefasst wird, nicht einem bestimmten Phänomen entspricht, für das es Sinn machen würde eine gemeinsame materielle z.B. neurophysiologische Ursache zu suchen und noch viel weniger zu hoffen, dass man eine finden wird. Beschreibt man dieses fiktive Phänomen z.B. in metaphorischer Sprache, wie Dennett vorschlägt, dann schafft man allenfalls die Illusion, von einem bestimmten Phänomen zu sprechen; und diese metaphorische Sprache verwandelt sich dann in ein ernstes Hindernis wirklich zu verstehen, wovon wir sprechen, wenn wir das Wort 'Bewusstsein' in unseren Sätzen verwenden, und diese Art von bildlicher Beschreibung garantiert dann, dass dieses Phänomen weiterhin ein Mysterium bleibt, an dem sich noch viele Generationen von Geistesphilosophen die Zähne ausbeißen werden.
Für unser ursprüngliches Problem ist dieses Resultat wichtig, weil wir zu dem Schluss gekommen waren, dass es ohne Bewusstsein kein Denken in unserem Sinn gibt; denn wir mussten willkürliche von unwillkürlichen Entscheidungen unterscheiden, wenn wir das Denken (ohne hier eine Definition zu versuchen; d. h., was immer wir darunter ansonsten verstehen mögen) von automatischen, biologischen Reaktionen trennen wollten, die eventuell sogar ganz ohne Zentralnervensystem ablaufen könnten, da wir uns sonst womöglich genötigt sehen könnten auch einem Thermostaten Gedanken zuzuschreiben. Die genaue Verbindung zwischen Denken und Bewusstsein müssen wir erst noch untersuchen. Was wir zunächst tun wollen ist, untersuchen, ob es nicht einen Kern von Bedeutung für den Begriff 'Bewusstsein' gibt, den wir versuchen könnten mit neuronalen Aktivitäten zu identifizieren, und dass es Bewusstsein in diesem, beschränkten Sinn ist, von dem Dennett und seine Weggefährten reden.
Der gesamte Teil III von Philosophical Foundations of Neuroscience ist der er Analyse des Begriffs 'Bewusstsein' und seiner Behandlung in den zeitgenössischen Neurowissenschaften gewidmet;ziemlich genau 120 Seiten. Davor haben die Autoren in Teil I die geschichtlichen und begrifflichen Wurzeln der philosophischen Probleme untersucht, in die sich die zeitgenössichen Neurowissenschaften vielfach verstricken, von Aristoteles bis John Eccles. Teil II widmet sich der Untersuchung der Verbindung der menschlichen Fakultäten und der Neurowissenschaften, worunter gegen Ende dieses Abschnitts auch das kognitive Vermögen und Begriffe wie 'Glauben', 'Denken', 'Vorstellen und geistige Bilder' fallen, von dem wir den Abschnitt über das Denken kurz gestreift haben. Der vierte und letzte Teil des Haupttextes behandelt dann methodologische Fragen.
Teil III behandelt im Kapitel 9 den Unterschied zwischen "intransitivem und transitivem Bewusstsein", im Kapitel 10 "Bewusste Erfahrung, Geisteszustände und Qualia", im Kapitel 11 "Rätsel um das Bewusstsein" und im Kapitel 12 schließlich "das Selbstbewusstsein". Ein Unterkapitel ist unserer ursprünglichen Frage gewidmet: "Gedanke und Sprache".
Als nächstes werden wir also versuchen in großen Zügen herauszufinden, ob die Diskussion dieser Fragen für Dennett einen Ausweg lässt, wie wir ihn oben angedeutet haben.
Thursday, May 19, 2016
DE 0015 Sprache und Denken
# DE 0015
Daniel Dennett ist ein außerordentlich attraktiver Philosoph, der seine Argumente mit Witz und Eleganz vorträgt, und er ist der solidarischste Kritiker den ich kenne. Ein gutes Beispiel ist sein Buch Darwin's Dangerous Idea, das ich warm empfehle, wenn Ihr es nicht gelesen habt. Er ist es, der in etwa sagt, dass man die Position eines philosophischen Gegners zuerst so gut zusammenfassen muss, dass der Gegner sagt: "Ja, das ist es, was ich sagen wollte. Ich wünschte, ich hätte das so gut ausdrücken können." Und erst dann darf man dazu übergehen, die Schwachpunkte und Fehler des Arguments aufzuzeigen.
Peter Hacker ist mehr oder weniger das Gegenteil davon. Er ist ein Protzer, Dogmatiker und versucht seine Gegner zu zerfetzen, bevor sie noch richtig gesagt haben, was sie eigentlich sagen wollen, und es ist ihm schnurzegal ob er die Position seiner Gegner richtig darstellt oder nicht. Außerdem hat er eine Idee von Wittgenstein, die diesen ganz im Licht der Tradition de analytischen Philosophie sieht, und wenn er auch sicher Wittgensteins Philosophie besser kennt als ich - er hat sie ja praktisch sein ganzes Leben lang studiert, während ich meine Zeit damit verbracht habe mit Managern von Autofabriken auf dem Golfplatz herumzuspazieren - glaube ich doch, dass sein Verständnis von Wittgenstein zu sehr von seinen eigenen philosophischen Zielen verzerrt ist. Wahrscheinlich liegt das daran, dass Wittgenstein eben kein Gelehrter war, und seine philosophischen Ausführungen die wohlwollende Behandlung durch ausgelernte und professionelle Philosophen brauchen. Nun, wahrscheinlich tue ich Hacker unrecht. Wie immer, ich hege keine große Sympathien für ihn (außer, dass ich das allermeiste, was ich über Wittgenstein weiß, zuerst bei ihm gelesen habe).
Dennett hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Consciousness Explained. In dem Buch von Bennett und Hacker, das wir schon kennen, lassen die beiden Autoren (unter vielen anderen) von Dennetts Erklärungen in diesem seinen Buch wenig übrig. Nun, mir gefällt ihr Stil nicht. Aber ich denke, dass sie im wesentlichen recht haben.
Wir werden diesen Streit nur ganz an der Oberfläche darstellen können - das Thema ist noch wesentlich weitläufiger als die Frage was zuerst kommt, die Sprache oder das Denken (Die Assoziation mit Henne und Ei kommt hier übrigens ganz zurecht auf).
Dennetts Buch beginnt, wo es wirklich losgeht, in Kapitel 2 auf Seite 21, mit den Worten: "Das menschliche Bewusstsein ist das beinahe letzte überlebende Mysterium." In anderen Worten, es ist -sagen wir mal- ein Phänomen mit dem wir ständig konfrontiert werden, zu dessen Erklärung uns aber nichts Gescheites einfällt.
Den Rest des Buches widmet Dennett mehr oder weniger der Erklärung dieses Phänomens. Er behauptet am Ende nicht, dass seine Erklärung vollständig ist. "Alles was ich wirklich getan habe", sagt er, "ist eine Gruppe von Metaphern und Bildern mit einer anderen zu ersetzen." Das ist aber nicht etwas, was belanglos ist. "... Metaphern sind die Werkzeuge des Denkens." Setzt Dennett fort. "Niemand kann über das Bewusstsein ohne sie nachdenken, es ist deshalb wichtig, dass wir uns mit den besten Werkzeugen ausrüsten, die uns zur Verfügung stehen."
Bennett und Hacker zeigen in ihrem Buch auf, dass diese Behauptung Dennetts schlicht falsch ist, und dass, in Metaphern über ein Problem nachzudenken, höchstens neue (mysteriöse) Schimären produziert. Wir werden nächstens versuchen dieser Demonstration wenigstens ein bisschen zu folgen, und auch ein bisschen zu sehen, was es mit diesem "letzten Mysterium" nun in der Tat auf sich hat.
Dennett, Daniel C.; Conscousness Explained; Little, Brown and Company; Boston, New York, Toronto, London; 1991
Daniel Dennett ist ein außerordentlich attraktiver Philosoph, der seine Argumente mit Witz und Eleganz vorträgt, und er ist der solidarischste Kritiker den ich kenne. Ein gutes Beispiel ist sein Buch Darwin's Dangerous Idea, das ich warm empfehle, wenn Ihr es nicht gelesen habt. Er ist es, der in etwa sagt, dass man die Position eines philosophischen Gegners zuerst so gut zusammenfassen muss, dass der Gegner sagt: "Ja, das ist es, was ich sagen wollte. Ich wünschte, ich hätte das so gut ausdrücken können." Und erst dann darf man dazu übergehen, die Schwachpunkte und Fehler des Arguments aufzuzeigen.
Peter Hacker ist mehr oder weniger das Gegenteil davon. Er ist ein Protzer, Dogmatiker und versucht seine Gegner zu zerfetzen, bevor sie noch richtig gesagt haben, was sie eigentlich sagen wollen, und es ist ihm schnurzegal ob er die Position seiner Gegner richtig darstellt oder nicht. Außerdem hat er eine Idee von Wittgenstein, die diesen ganz im Licht der Tradition de analytischen Philosophie sieht, und wenn er auch sicher Wittgensteins Philosophie besser kennt als ich - er hat sie ja praktisch sein ganzes Leben lang studiert, während ich meine Zeit damit verbracht habe mit Managern von Autofabriken auf dem Golfplatz herumzuspazieren - glaube ich doch, dass sein Verständnis von Wittgenstein zu sehr von seinen eigenen philosophischen Zielen verzerrt ist. Wahrscheinlich liegt das daran, dass Wittgenstein eben kein Gelehrter war, und seine philosophischen Ausführungen die wohlwollende Behandlung durch ausgelernte und professionelle Philosophen brauchen. Nun, wahrscheinlich tue ich Hacker unrecht. Wie immer, ich hege keine große Sympathien für ihn (außer, dass ich das allermeiste, was ich über Wittgenstein weiß, zuerst bei ihm gelesen habe).
Dennett hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Consciousness Explained. In dem Buch von Bennett und Hacker, das wir schon kennen, lassen die beiden Autoren (unter vielen anderen) von Dennetts Erklärungen in diesem seinen Buch wenig übrig. Nun, mir gefällt ihr Stil nicht. Aber ich denke, dass sie im wesentlichen recht haben.
Wir werden diesen Streit nur ganz an der Oberfläche darstellen können - das Thema ist noch wesentlich weitläufiger als die Frage was zuerst kommt, die Sprache oder das Denken (Die Assoziation mit Henne und Ei kommt hier übrigens ganz zurecht auf).
Dennetts Buch beginnt, wo es wirklich losgeht, in Kapitel 2 auf Seite 21, mit den Worten: "Das menschliche Bewusstsein ist das beinahe letzte überlebende Mysterium." In anderen Worten, es ist -sagen wir mal- ein Phänomen mit dem wir ständig konfrontiert werden, zu dessen Erklärung uns aber nichts Gescheites einfällt.
Den Rest des Buches widmet Dennett mehr oder weniger der Erklärung dieses Phänomens. Er behauptet am Ende nicht, dass seine Erklärung vollständig ist. "Alles was ich wirklich getan habe", sagt er, "ist eine Gruppe von Metaphern und Bildern mit einer anderen zu ersetzen." Das ist aber nicht etwas, was belanglos ist. "... Metaphern sind die Werkzeuge des Denkens." Setzt Dennett fort. "Niemand kann über das Bewusstsein ohne sie nachdenken, es ist deshalb wichtig, dass wir uns mit den besten Werkzeugen ausrüsten, die uns zur Verfügung stehen."
Bennett und Hacker zeigen in ihrem Buch auf, dass diese Behauptung Dennetts schlicht falsch ist, und dass, in Metaphern über ein Problem nachzudenken, höchstens neue (mysteriöse) Schimären produziert. Wir werden nächstens versuchen dieser Demonstration wenigstens ein bisschen zu folgen, und auch ein bisschen zu sehen, was es mit diesem "letzten Mysterium" nun in der Tat auf sich hat.
Dennett, Daniel C.; Conscousness Explained; Little, Brown and Company; Boston, New York, Toronto, London; 1991
Wednesday, May 18, 2016
DE 0014 Sprache und Denken
# DE 0014
Denken ist etwas organisches, oder die Folge von organischen Vorgängen, die es in ganz primitiver Form bei allen Organismen gibt, und das immer komplizierter wird, je komplexer der Organismus ist. Denken ist, möchte man sagen, was ein Organismus tut wenn er nicht einem blinden Automatismus folgt, sondern eine Entscheidung fällt: Angreifen oder Fliehen!
Solche Alternativen gibt es für jedenfalls alle komplexeren Organismen, ganz unabhängig von ihren sprachlichen Kapazitäten. Es ist daher ganz unmöglich, dass dieser Vorgang in seinem Ursprung von der Sprache abhängt. Er muss von organischen Gegebenheiten abhängen, die "primitiver" oder "ursprünglicher" sind als jene, die der Sprache zugrunde liegen.
Und wenn ich wissen will, worin das Denken besteht, dann muss ich seine primitiven Wurzeln erforschen, und nicht Grammatik betreiben.
Dieses Bild kann man noch in mancher Hinsicht vervollständigen und in dem einen oder anderen Punkt auch noch berichtigen. So ist keineswegs klar, dass die Entscheidung zwischen Angreifen und Fliehen nicht auf einem einfachen Mechanismus beruht, sondern eine "bewusste" Entscheidung braucht; wir müssten dann also vielleicht ergänzen, dass es zum Denken eines Bewusstseins bedarf, was immer das sein mag. Und dann müssten wir das Denken auf Organismen mit Bewusstsein beschränken. Was braucht ein Organismus, um bewusst zu sein? Was ist Bewusstsein? Ist das leichter zu beantworten, und können wir die Frage klären, bevor wir klären, was Denken ist?
Ein andere Frage, die hier ihr Haupt erhebt und beginnt in uns den Verdacht zu erwecken, dass wir hier wie Herkules gegen ein Ungeheuer mit sieben (oder wie vielen immer) stets nachwachsenden Köpfen kämpfen, ist, ob es denn überhaupt möglich ist zu entscheiden, wann eine Frage automatisch ist, und wann sie von der Kapazität zu denken abhängt. Unterliegen in der Natur nicht alle Vorgänge der Kausalität? Hängt die Frage nach dem Denken zusammen mit der Frage nach dem freien Willen?
* * * * *
Je klarer wir versuchen das Bild zu zeichnen, das uns vorschwebt, und auf dem unser Urteil beruht, dass das Denken etwas von der Sprache unabhängiges sein muss, desto verschwommener wird es. Die Begriffe, mit denen wir versucht haben die Aussage scharf zu konstruieren, sind selber verschwommen. Es liegt der Verdacht nahe, dass unser Bild, von dem wir so überzeugt sind, dass es irgendwie richtig sein muss, auf einer Reihe begrifflicher Verwirrungen beruht (und natürlich gibt es ohne Sprache keine Begriffe, und nicht einmal verwirrte Bilder).
Aber es mag sein, dass der Verdacht selber noch verdächtig ist. Wir wollen also ein bisschen weiter bohren: es hat sich uns ergeben, dass Denken vielleicht mit Bewusstsein zusammenhängt. Es scheint ja auch ganz sicher, dass das Bewusstsein etwas ist, was keiner Sprache bedarf. Wenn wir klären können, was bewusstes Handeln ist, dann wissen wir vielleicht, was Denken ist, ohne auf die Sprache zurückgreifen zu müssen.
Tuesday, May 17, 2016
DE 0013 Sprache und Denken
# DE 0013
Bennett und Hacker hatten in dem Abschnitt, den wir letztens versucht haben zusammenzufassen, ein spezifisches Bild vor Augen, das es zu untergraben galt: Die Identifizierung von Denken mit einem messbaren physikalischen Vorgang im Zentralnervensystem. Das war nicht ganz unser Ziel. Wir wollten untersuchen, ob wir unter denken jenen mysteriösen Vorgang verstehen können, vielleicht nicht ausschließlich, aber auch, der abläuft bevor es soweit kommt, dass wir etwas in Sprache fassen.
Wenn die beiden Autoren recht haben mit ihrer Behauptung, dann ist jedoch auch für unsere Frage klar, dass wir denken nicht mit so einem Vorgang gleichsetzen können, auch nicht als Teilbegriff von denken. Denken, sagen sie, ist nicht etwas, was im Hirn, und auch nicht etwas, was mit dem Hirn geschieht, in keiner der vielen verschiedenen Bedeutungen, die 'denken' annehmen mag. Auch nicht, wenn wir uns bei 'denken' Le Penseur von Rodin vorstellen, also etwas, was anscheinend ohne irgend eine äußere Aktivität abläuft (was natürlich nicht ganz richtig ist, sonst hätte Rodin keine Statue machen können, der man ansieht, dass sie einen Denker darstellt). Eine ganz schön starke Behauptung!
Das Argument scheint einzig und allein auf grammatikalischen Beobachtungen zu beruhen: auf der Grammatik von Wörtern wie 'denken' und 'Gedanke'. Wie können solche Beobachtungen ausschlaggebend sein dafür, was die Wissenschaft entdecken kann (oder in unserem Fall: für meinen Begriff von denken)? Denn das Argument bedeutet ja, dass die Neurophysiologen zwar feststellen können, welche neuronalen Aktivitäten mit gewissen gedanklichen Aktivitäten einhergehen, aber sie können angeblich diese gedanklichen Aktivitäten nicht als durch die entsprechenden neuronalen Aktivitäten definiert verstehen. Und der Grund dafür soll einzig und allein sein, wie wir in unserem normalen Sprachgebrauch Wörter wie 'denken' und 'Gedanke' verwenden. Haben die Wissenschaftler nicht immer schon Wörter bei der Konstruktion ihrer Hypthesen und Theorien in einem speziellen Sinn verwendet? Und wenn ich unter denken einen geheimnisvollen Vorgang verstehe, kann mir eine Untersuchung der Grammatik vorschreiben, dass ich das nicht darf?
Ich will nicht allzu viel virtuelle Tinte darauf verschwenden, die Frage für den Fall der Wissenschaft zu behandeln. Natürlich hat die Wissenschaft schon immer Wörter aus der Umgangssprache entlehnt und ihr eine beschränkte oder ganz andere Bedeutung gegeben. Aber dann spricht die Wissenschaft eben nicht von dem Gegenstand, Phänomen, oder was immer, das wir im normalen Sprachgebrauch darunter meinen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Wasser = H2O, aber das stimmt mit unserer normalen Verwendung des Wortes 'Wasser' keineswegs überein. Wir gehen weder in H2O schwimmen, auch nicht in verunreinigtem H2O, sondern eben in Wasser; noch können wir H2O trinken, noch fahren unsere Ozeanriesen in H2O. H2O existiert allenfalls im Laboratorium. Wir leben mit dieser Zwiespältigkeit, weil wir die Formeln für "chemisch reines Wasser" oder "chemisch reine Schwefelsäure" sehr bald in der Schule lernen.
Die amerikanischen Philosophen Saul Kripke und, jedenfalls während einer Periode seiner intellektuellen Entwicklung, Hilary Putnam haben eine Theorie vertreten, nach denen Wörter wie Wasser und Gold in der Tat natürliche Arten bezeichnen, so dass wir die wahre Bedeutung nur kennen, wenn wir Experten in Chemie oder in Metallurgie sind. Alle anderen Menschen verwenden solche Wörter ohne eigentlich zu wissen wovon sie reden. Die beiden sind ernste und berühmte Philosophen, so dass ich nicht hoffen kann ihre Theorie mit einer Handbewegung abzutun. Aber ich will nicht verheimlichen, dass ich das für ganz schön verrückt halte. Kurz gesagt, weil ich es für verrückt halte zu glauben, dass die Bedeutung der Wörter der Gegenstand ist, den sie bezeichnen, und weil ich es für verrückt halte vorzuschlagen, dass 99.9% der Menschen ihre Muttersprache nicht beherrschen. In dieser Theorie muss dann auch der Ausdruck "die Bedeutung eines Wortes verstehen" einen Sinn angenommen haben, der mit dem, was dieser Ausdruck eigentlich bedeutet, nichts zu tun hat. Die sprachlichen Ausdrücke bekommen ihre Bedeutung dadurch, dass wir sie in unserer normalen Sprache erfolgreich verwenden. Wenn wir das in 99.9% der Fälle nicht können, dann hört sich die Sprache auf. Damit ist der Vorschlag von Kripke und Putnam nicht erledigt, aber wir können hier auf seine weitere Behandlung verzichten, denke ich.
Wie ist es aber damit, dass ich unter denken eben etwas bestimmtes Geheimnisvolles verstehen möchte, das mir ganz sicher wenigstens "mitgemeint" vorkommt? Darum ging es uns ja eigentlich!
Der Beitrag ist schon lang genug. Ich komme im nächsten Beitrag darauf zu sprechen.
Bennett und Hacker hatten in dem Abschnitt, den wir letztens versucht haben zusammenzufassen, ein spezifisches Bild vor Augen, das es zu untergraben galt: Die Identifizierung von Denken mit einem messbaren physikalischen Vorgang im Zentralnervensystem. Das war nicht ganz unser Ziel. Wir wollten untersuchen, ob wir unter denken jenen mysteriösen Vorgang verstehen können, vielleicht nicht ausschließlich, aber auch, der abläuft bevor es soweit kommt, dass wir etwas in Sprache fassen.
Wenn die beiden Autoren recht haben mit ihrer Behauptung, dann ist jedoch auch für unsere Frage klar, dass wir denken nicht mit so einem Vorgang gleichsetzen können, auch nicht als Teilbegriff von denken. Denken, sagen sie, ist nicht etwas, was im Hirn, und auch nicht etwas, was mit dem Hirn geschieht, in keiner der vielen verschiedenen Bedeutungen, die 'denken' annehmen mag. Auch nicht, wenn wir uns bei 'denken' Le Penseur von Rodin vorstellen, also etwas, was anscheinend ohne irgend eine äußere Aktivität abläuft (was natürlich nicht ganz richtig ist, sonst hätte Rodin keine Statue machen können, der man ansieht, dass sie einen Denker darstellt). Eine ganz schön starke Behauptung!
Das Argument scheint einzig und allein auf grammatikalischen Beobachtungen zu beruhen: auf der Grammatik von Wörtern wie 'denken' und 'Gedanke'. Wie können solche Beobachtungen ausschlaggebend sein dafür, was die Wissenschaft entdecken kann (oder in unserem Fall: für meinen Begriff von denken)? Denn das Argument bedeutet ja, dass die Neurophysiologen zwar feststellen können, welche neuronalen Aktivitäten mit gewissen gedanklichen Aktivitäten einhergehen, aber sie können angeblich diese gedanklichen Aktivitäten nicht als durch die entsprechenden neuronalen Aktivitäten definiert verstehen. Und der Grund dafür soll einzig und allein sein, wie wir in unserem normalen Sprachgebrauch Wörter wie 'denken' und 'Gedanke' verwenden. Haben die Wissenschaftler nicht immer schon Wörter bei der Konstruktion ihrer Hypthesen und Theorien in einem speziellen Sinn verwendet? Und wenn ich unter denken einen geheimnisvollen Vorgang verstehe, kann mir eine Untersuchung der Grammatik vorschreiben, dass ich das nicht darf?
Ich will nicht allzu viel virtuelle Tinte darauf verschwenden, die Frage für den Fall der Wissenschaft zu behandeln. Natürlich hat die Wissenschaft schon immer Wörter aus der Umgangssprache entlehnt und ihr eine beschränkte oder ganz andere Bedeutung gegeben. Aber dann spricht die Wissenschaft eben nicht von dem Gegenstand, Phänomen, oder was immer, das wir im normalen Sprachgebrauch darunter meinen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Wasser = H2O, aber das stimmt mit unserer normalen Verwendung des Wortes 'Wasser' keineswegs überein. Wir gehen weder in H2O schwimmen, auch nicht in verunreinigtem H2O, sondern eben in Wasser; noch können wir H2O trinken, noch fahren unsere Ozeanriesen in H2O. H2O existiert allenfalls im Laboratorium. Wir leben mit dieser Zwiespältigkeit, weil wir die Formeln für "chemisch reines Wasser" oder "chemisch reine Schwefelsäure" sehr bald in der Schule lernen.
Die amerikanischen Philosophen Saul Kripke und, jedenfalls während einer Periode seiner intellektuellen Entwicklung, Hilary Putnam haben eine Theorie vertreten, nach denen Wörter wie Wasser und Gold in der Tat natürliche Arten bezeichnen, so dass wir die wahre Bedeutung nur kennen, wenn wir Experten in Chemie oder in Metallurgie sind. Alle anderen Menschen verwenden solche Wörter ohne eigentlich zu wissen wovon sie reden. Die beiden sind ernste und berühmte Philosophen, so dass ich nicht hoffen kann ihre Theorie mit einer Handbewegung abzutun. Aber ich will nicht verheimlichen, dass ich das für ganz schön verrückt halte. Kurz gesagt, weil ich es für verrückt halte zu glauben, dass die Bedeutung der Wörter der Gegenstand ist, den sie bezeichnen, und weil ich es für verrückt halte vorzuschlagen, dass 99.9% der Menschen ihre Muttersprache nicht beherrschen. In dieser Theorie muss dann auch der Ausdruck "die Bedeutung eines Wortes verstehen" einen Sinn angenommen haben, der mit dem, was dieser Ausdruck eigentlich bedeutet, nichts zu tun hat. Die sprachlichen Ausdrücke bekommen ihre Bedeutung dadurch, dass wir sie in unserer normalen Sprache erfolgreich verwenden. Wenn wir das in 99.9% der Fälle nicht können, dann hört sich die Sprache auf. Damit ist der Vorschlag von Kripke und Putnam nicht erledigt, aber wir können hier auf seine weitere Behandlung verzichten, denke ich.
Wie ist es aber damit, dass ich unter denken eben etwas bestimmtes Geheimnisvolles verstehen möchte, das mir ganz sicher wenigstens "mitgemeint" vorkommt? Darum ging es uns ja eigentlich!
Der Beitrag ist schon lang genug. Ich komme im nächsten Beitrag darauf zu sprechen.
Sunday, May 15, 2016
DE 0012 Sprache und Denken
# DE 0012
In Philosophical Foundations of Neuroscience, M.R. Bennett und P.M.S. Hacker behandeln das Thema 'denken' im Abschnitt 6.2, von der Seite 175 bis 180, auf knapp 5 Seiten. Es ist klar, dass es dazu viele vorbereitende Argumente gibt, auf die wir hier nicht eingehen können, und die zu einem vollen Verständnis dessen, was die beiden zum Thema zu sagen haben, notwendig sind. Aber auch so, glaube ich, kann uns eine Zusammenfassung nur dieses Abschnitts in unseren Überlegungen weiterbringen.
Die Untersuchung beginnt damit, Ähnlichkeiten und Unterschiede von glauben und denken aufzuzeigen. Manchmal besteht kein Unterschied, stellen sie fest, wenn man statt 'glauben' und 'denken' auch 'meinen' sagen kann. Trotzdem ist denken und glauben keineswegs dasselbe:
"Man kann mit denken beschäftigt sein, aber nicht mit glauben und kann deshalb beim denken unterbrochen werden, aber nicht beim glauben. Man kann ein Problem durch-denken, aber nicht durch-glauben, über eine Lösung nach-denken oder sie er-denken. Die Antwort auf die Frage er-denken ist nicht dasselbe, wie sie glauben. Man kann laut oder still, schnell oder langsam, effizient oder ineffizient, produktiv oder unproduktiv denken, aber nicht glauben. Man kann einer Person, ein Gerücht oder eine Geschichte glauben, aber nicht denken, wie man, in der Tat, an eine Person, an Gott, oder eine Sache glauben kann, aber nicht denken [auf englisch; auf deutsch geht das; aber natürlich ist auch auf deutsch 'an Gott glauben' nicht dasselbe wie 'an Gott denken']."
Als nächstes werden wir daran erinnert, dass denken vielen verschiedenen logischen Kategorien angehören mag. Wie schon der vorige Absatz zum Teil durch Beispiele zeigt, kann denken etwas sein, was einfach geschieht, etwas, was ich tue, etwas, mit dem ich beschäftigt bin, wenn ich mich auf etwas konzentriere; oder manchmal sagt denken nur, dass ich eine Meinung habe. Der Witz von all dem ist uns darauf hinzuweisen, dass unsere Idee von 'denken', inspiriert in der Statue von Auguste Rodin "der Denker", unzureichend ist: nur dasitzen, das Kinn auf die Hand gestützt, die Brauen zusammengezogen, ohne äußere Aktivität. Denken ist mehr als das.
Als Überschriften für verschiedene Arten von Denken, zu denen jeweils eine Reihe von Beispielen angeführt werden, schlagen Bennett und Hacker vor:
In Philosophical Foundations of Neuroscience, M.R. Bennett und P.M.S. Hacker behandeln das Thema 'denken' im Abschnitt 6.2, von der Seite 175 bis 180, auf knapp 5 Seiten. Es ist klar, dass es dazu viele vorbereitende Argumente gibt, auf die wir hier nicht eingehen können, und die zu einem vollen Verständnis dessen, was die beiden zum Thema zu sagen haben, notwendig sind. Aber auch so, glaube ich, kann uns eine Zusammenfassung nur dieses Abschnitts in unseren Überlegungen weiterbringen.
Die Untersuchung beginnt damit, Ähnlichkeiten und Unterschiede von glauben und denken aufzuzeigen. Manchmal besteht kein Unterschied, stellen sie fest, wenn man statt 'glauben' und 'denken' auch 'meinen' sagen kann. Trotzdem ist denken und glauben keineswegs dasselbe:
"Man kann mit denken beschäftigt sein, aber nicht mit glauben und kann deshalb beim denken unterbrochen werden, aber nicht beim glauben. Man kann ein Problem durch-denken, aber nicht durch-glauben, über eine Lösung nach-denken oder sie er-denken. Die Antwort auf die Frage er-denken ist nicht dasselbe, wie sie glauben. Man kann laut oder still, schnell oder langsam, effizient oder ineffizient, produktiv oder unproduktiv denken, aber nicht glauben. Man kann einer Person, ein Gerücht oder eine Geschichte glauben, aber nicht denken, wie man, in der Tat, an eine Person, an Gott, oder eine Sache glauben kann, aber nicht denken [auf englisch; auf deutsch geht das; aber natürlich ist auch auf deutsch 'an Gott glauben' nicht dasselbe wie 'an Gott denken']."
Als nächstes werden wir daran erinnert, dass denken vielen verschiedenen logischen Kategorien angehören mag. Wie schon der vorige Absatz zum Teil durch Beispiele zeigt, kann denken etwas sein, was einfach geschieht, etwas, was ich tue, etwas, mit dem ich beschäftigt bin, wenn ich mich auf etwas konzentriere; oder manchmal sagt denken nur, dass ich eine Meinung habe. Der Witz von all dem ist uns darauf hinzuweisen, dass unsere Idee von 'denken', inspiriert in der Statue von Auguste Rodin "der Denker", unzureichend ist: nur dasitzen, das Kinn auf die Hand gestützt, die Brauen zusammengezogen, ohne äußere Aktivität. Denken ist mehr als das.
Als Überschriften für verschiedene Arten von Denken, zu denen jeweils eine Reihe von Beispielen angeführt werden, schlagen Bennett und Hacker vor:
- Denken als sich einer anstehenden Aufgabe widmen
- Denken als intelligente Beschäftigung mit einer Aktivität
- Denken als intelligente Sprache
- Denken als meinen, urteilen, unterstellen, annehmen
- Denken als assoziieren und erinnern
- Denken als eine Art von vorstellen
- Denken und etwas (als etwas, auf eine bestimmte Weise) meinen
- Denken und vernünftige Problemlösung
- Denken, freies Gedankenspiel und Vorstellen
Eine der Folgen dieser Feststellung ist, dass die Identifizierung von zum Beispiel assoziativem Denken mit dem Aufleuchten gewisser Regionen des Zentralnervensystems bei einem PET oder fMRI mit Denken schlechthin zu identifizieren, eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung darstellt.
Aber der wichtigste Punkt dieser Aufzählung ist, dass es entgegen einer Redeweise (hauptsächlich der Neurowissenschaftler) nicht das Hirn ist, das denkt, sondern die Person, der das Hirn gehört. Aber nicht nur ist das Gehirn nicht das Subjekt des Denkens (sondern die Person), sondern das Hirn ist auch nicht der Ort des Denkens, sagen die Autoren. "...Denken geschieht nicht im Gehirn, sondern im Arbeitszimmer, in der Bibliothek, oder bei einem Spaziergang. Der Ort des Vorgangs in dem eine Person einen gewissen Gedanken denkt, ist der Ort, an dem sich die Person befindet, wenn ihr der Gedanke einfällt. Gedanken findet man niedergeschrieben in Texten, nicht in den Köpfen von Menschen. Gedanken werden von Menschen ausgedrückt, nicht von Hirnen. Denn ein Gedanke ist genau was mittels eines Ausspruchs oder einer anderen symbolischen Darstellung ausgedrückt werden kann. Die Tatsache, dass Menschen denken können ohne zu sagen, was sie denken, bedeutet nicht, dass was sie dann denken wird innerhalb ihres Hirns gesagt oder sonst irgendwie ausgedrückt." Es mag naheliegend scheinen zu sagen, das Hirn ist das Organ des Denkens, so wie das Auge des Organs des Sehens ist. "Denn man sieht mit seinen Augen (man bringt seine Augen näher an das Objekt in Beobachtung, um es besser zu sehen), aber man denkt nicht, in diesem Sinn, mit seinem Hirn. Und man denkt auch nicht mit dem Hirn in dem Sinn, in dem man mit den Beinen geht oder Essen mit dem Magen verdaut." Aussprüche wie "benütze dein Hirn!" um zu verlangen, dass der andere nachdenken soll, statt gedankenlos herauszuplatzen, sind nur als Metaphern zu verstehen.
Nach diesem Ausflug, können wir wieder nächstens auf unser eigentliches Problem zurückkommen. Mir ist klar, dass es eine Menge möglicher Einwände gegen diese Darstellung der Dinge gibt. Wir können auch darüber reden, zum Beispiel, dass die Wissenschaftler doch sicher das recht haben, ihrer Sprache eine spezielle Bedeutung zu geben, weshalb die obigen Beispiele, die allesamt der Alltagssprache entnommen sind, für die Überlegungen der Neurowissenschaftler bedeutungslos sind. Wir können auch davon reden, vor allem wenn es notwendig ist um zu einem Schluss bei der Diskussion unseres Problems kommen.
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