Saturday, June 4, 2016

DE 0025 Sprache und Denken. Zusammenfassung (iv): Bedeutung

# DE 0025: Bedeutung (Fortsetzung)

Die Sprache ist eingebettet in unser Handeln und ihr Funktionieren hängt davon ab, dass sie als Teil unseres Handelns funktioniert. Es mag schon so sein, dass wir wissen, welches physikalische Ding wir mit dem Namen 'Eiffelturm' bezeichnen, und wissen, dass wir vom Eiffelturm reden, wenn wir 'Eiffelturm' sagen: "Bei meinem letzten Besuch in Paris bin ich auf den Eiffelturm gefahren." Aber daraus nun zu schließen, ein Satz habe Bedeutung, weil jeder seiner Bestandteile eine Bedeutung hat, und wir aus der zusammengesetzten Bedeutung der verschiedenen Namen/Wörter (Substantive, Verben, Adjektive, usw.) die Bedeutung des ganzen Satzes konstruieren, ist zumindest vorschnell - oder, wie wir versucht haben das letzte mal zu zeigen, verführt unsere Untersuchung dazu, sich in eine falsche Richtung zu bewegen.

Es ist vielmehr so, dass der Satz "Mach bitte die Türe zu!" Bedeutung hat, weil der Angesprochene in der Regel tut, was wir von ihm verlangen. Er muss es nicht immer tun, aber die Anwendung des Satzes muss wenigstens mit großer Regelmäßigkeit Erfolg haben (es muss geschehen, was wir trainiert wurden, mit dem Aussprechen des Satzes zu verbinden), sonst würde sich seine Bedeutung womöglich ins Gegenteil umkehren. Es gibt solche Situationen von Bedeutungswandlungen. Im allgemeinen: Wenn niemals jemand einem Befehl gehorchen würde, dann gäbe es keine Befehle.

Diese Beobachtung bringt Wittgenstein dazu zu sagen, wenn wir der Bedeutung eines Ausdrucks auf den Grund gehen wollen, dann müssen wir untersuchen, wie dieser Ausdruck in unserem Leben funktioniert. Man kann darüber nicht abstrakt nachdenken - sondern man muss schauen, wie das vor sich geht. Man kann darüber nicht abstrakt nachdenken, weil die Sprache nicht nach Regeln funktioniert, die von der sprachlichen Praxis unabhängig sind. Die Schulgrammatik ist der Versuch, unser Sprachverhalten mit Hilfe von allgemeinen Regeln allgemein zu beschreiben; das geht nur bis zu einem gewissen Punkt, und auch nur für eine gewisse Zeit. Alle Regeln der Schulgrammatik haben Ausnahmen, und sie müssen immer wieder neu geschrieben werden, weil sie nicht mehr der Praxis entsprechen und daher keine brauchbare Beschreibung mehr abgeben.

Viele philosophische Probleme wie die Frage nach der Priorität von Sprache oder Denken entstehen, weil wir zu sehr und zu schnell verallgemeinern und zu wenige Beispiele aus dem wirklichen Leben verwenden. Das ist es, was Wittgenstein eine Tendenz nennt, unsere Sprache misszuverstehen, wenn wir uns philosophische Fragen stellen. Diese Fragen kann man meist als Missverständnisse entlarven, wenn man das Funktionieren der Ausdrücke in Situationen untersucht, in denen sie ihre praktische Anwendung haben.

Um ein Beispiel zu nennen, auf das ich hier aber ansonsten nicht eingehen werde: "Ich habe einen Goldzahn" scheint genau den gleichen grammatikalischen Aufbau zu haben wie: "Ich habe Zahnschmerzen." Diese (oberflächliche) Ähnlichkeit versteckt die wirklichen Unterschiede in der Bedeutung. Die wildesten philosophischen Spekulationen resultieren daraus, dass man den Ausdrücken auf den ersten Blick nicht ansieht, wie verschieden sie sind, weil ihre Anwendung und daher ihre Grammatik in einem tieferen Sinn ganz verschieden sind. Grammatik meint hier die praktischen Regeln der Anwendung der Sprache im Leben, jene, die unser Zusammenleben möglich machen, nicht die formalen Abstraktionen, die in der Schulgrammatik stehen.

Die Anwendung der Sprache kann, in einem gewissen Sinn, nicht falsch sein. Sie funktioniert, oder sie funktioniert nicht. Wenn sie nicht (mehr) funktioniert, dann ändert oder verliert ein Sprachspiel seine Bedeutung. Eine Tendenz unsere Sprache misszuverstehen tritt nur auf, wenn wir die Sprache nicht im Rahmen ihrer natürlichen Umgebung handhaben, sondern, wie Wittgenstein sagt, wenn sie "feiert" - wenn die Räder der Sprache wirkungslos leer drehen. Wir haben dann keine Kontrolle, was unsere Ausdrücke bedeuten, weil die Sprachregeln nur für die Praxis gelten. Wir verlieren den Kontakt mit dem Boden - es ist, als gingen wir auf Glatteis. Ich zitiere nun den Abschnitt aus PU komplett, den ich schon vor einiger Zeit angeführt habe:

107. Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr und unserer Forderung. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben; sondern sie war eine Forderung.) Der Widerstreit wird unerträglich; die Forderung droht nun, zu etwas Leerem zu werden. - Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also de Bedingungen in gewissem Sinn ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir Reibung. Zurück auf den rauen Boden!

Friday, June 3, 2016

DE 0024 Sprache und Denken. Zusammenfassung (iii): Bedeutung

# DE 0024 Bedeutung

Wittgenstein bemüht sich in seinem posthumen Hauptwerk uns zu der Einsicht zu bringen, dass es ein Fehler ist zu versuchen eine Erklärung für das Funktionieren unserer Sprache um die Hypothese zu konstruieren, dass die Wörter Symbole für Dinge oder Ereignisse in der Welt sind. Er möchte uns zu dieser Einsicht bringen, ohne eine alternative Theorie für das Funktionieren unserer Sprache aufzustellen. Die Gründe für dieses Vorgehen habe ich angedeutet und Wittgensteins Absicht in dieser Hinsicht mit wörtlichen Zitaten aus Philosophische Untersuchungen belegt, und ich will es dabei bewenden lassen.

Die Versuchung ist sehr groß in manchen der Dinge, die Wittgenstein zum Thema Bedeutung sagt, wenigstens Ansatzweise eine Bedeutungstheorie zu sehen. So spricht er in § 43 davon (wie wir gesehen haben), dass man in vielen Fällen davon ausgehen kann, dass, wenn man von der Bedeutung eines Wortes spricht, man von seiner Verwendung im normalen Sprachgebrauch redet. Die Kurzfassung davon ist "Bedeutung = Verwendung" und das hat ganz das Aussehen einer Theorie.

Wie immer es sich damit verhalten mag, ich will versuchen nun einigermaßen plausible zu machen, dass die ziemlich natürliche Annahme, dass die Wörter Bedeutung haben, weil sie etwas bezeichnen, und der Sinn oder die Funktion de Sprache darin besteht, dass wir uns gegenseitig Mitteilungen über die Welt machen können, uns in die Irre führt, wenn wir die Rolle der Sprache in unserem Leben verstehen wollen; und dass es daher auch -wie wir hoffentlich gesehen haben- ein denkbar schlechter Ausgangspunkt ist, wenn wir uns darauf gestützt über das Verhältnis von Sprache und Denken unterhalten.

Ich denke, wenn ich einigermaßen erfolgreich bin, wird auch klar, warum der Versuch, das Funktionieren unserer Sprache von vornherein als Konstruktion einer Bedeutungstheorie anzugehen, unsere Untersuchung in eine falsche Richtung lenkt.

Wittgenstein zeigt uns in seinem Buch ziemlich bald, dass das Paradigma der Sprache als Mitteilungssystem viel zu eng gefasst ist. Aber statt nun eine weiter gefasste Definition von Sprache zu versuchen, legt er nahe bei so komplexen Angelegenheiten wie der menschlichen Sprache auf Definitionen überhaupt zu verzichten. Er lädt uns ein zu versuchen ein relativ einfaches Wort wie 'Spiel' zu definieren. Am Ende des Versuchs steht die Einsicht, dass wir, wenn wir von Spielen reden, nicht an einen scharf umrissenen Begriff appellieren, sondern dass es hier um etwas geht, was er Familienähnlichkeit nennt. Viele Spiele habe viele Eigenschaften gemeinsam, so dass wir deshalb bei allen diesen Spielen eben von Spielen sprechen. Aber es gibt offenbar keine Eigenschaft, die alle Spiele und nur die Spiele teilen. Was sie teilen, ist eben dies: es besteht eine Familienähnlichkeit zwischen ihnen, die von einem Spiel zum nächsten führt, aber nicht alle Spiele müssen die selben Ähnlichkeiten teilen; so ähnlich, wie ein langer Zwirn aus vielen Einzelfasern besteht; seine Verwendbarkeit und seine Festigkeit beruht nicht darauf, dass sich eine lange Faser von einem Ende zum anderen durchzieht. (Ich erzähle das nach - die Beispiele sind etwa von Wittgenstein.)

Wenn wir einmal einsehen, dass wir keine Definition im aristotelischen Sinn brauchen, um von der Sprache reden zu können, dann haben wir schon einiges gewonnen um unser sprödes Paradigma zu brechen, das dem Verständnis im Wege steht.

Ich habe vorhin nicht gesagt, inwiefern das Paradigma von der Sprache als Mitteilungssystem zu eng gefasst ist; ich werde am Ende ein Zitat aus Philosophische Untersuchungen anführen, das in dieser Hinsicht einiges nahelegen mag. Wenn ich aber mal davon ausgehen darf, dass es einsichtig ist, dass wir nicht immer etwas sagen, weil wir eine Mitteilung machen wollen, ist es denn deshalb falsch die Sprache als Mitteilungssystem zu verstehen, für den Fall, dass es um Mitteilungen geht? Die Wissenschaft benützt die Sprache ganz sicher praktisch immer, weil es ihr um Aussagen über die Welt geht. Ist es nicht genug, das Funktionieren der Sprache für diesen Fall anhand unseres Paradigmas zu erklären?

Es stellt sich aber heraus, wie wir ja im Vorbeigehen auch schon festgestellt haben, dass es keine autonome wissenschaftliche Sprache gibt; wir können alle möglichen formalen Sprachen erfinden. Wenn es uns aber darum geht zu verstehen, was diese formales Sprache uns über die Wirklichkeit lehrt, geht es nicht ohne unsere Alltagssprache. Auch das Funktionieren von Sprachen, die reine Kommunkationswerkzeuge zu sein scheinen, lässt sich nicht nur aufgrund einer Theorie erklären, die von der Symbolkraft der Elemente dieser Sprache ausgeht.

Es wird wohl das beste sein, wir versuchen ein Gefühl dafür zu entwickeln, worauf es ankommt, wenn wir die Rolle der Sprache in unserem Leben verstehen wollen, und dann wird es vielleicht auch leichter sein, uns mit spezielleren Fragen zurecht zu finden.

Ich will nun zum Abschluss für heute einen etwas längeren Abschnitt aus Philosophische Untersuchungen zitieren, wie ich ja angekündigt habe.

23. Wieviele Arten der Sätze gibt es aber? Etwa Behauptung, Frage und Befehl? - Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir 'Zeichen', 'Worte', 'Sätze' nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen. (Ein ungefähres Bild davon können uns die Wandlungen in der Mathematik geben.)
Das Wort 'Sprachspiel' soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform. 
Führe dir die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele an diesen Beispielen, und anderen, vor Augen:

  • Befehlen, und nach Befehlen handeln
  • Beschreiben eines Gegenstandes nach dem Ansehen, oder nach Messungen
  • Herstellen eines Gegenstandes nach einer Beschreibung (Zeichnung)
  • Berichten eines Hergangs
  • Über den Hergang Vermutungen anstellen
  • Eine Hypothese aufstellen und prüfen
  • Darstellen der Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen und Diagramme
  • Eine Geschichte erfinden; und lesen
  • Theater spielen
  • Reigen singen
  • Rätsel raten
  • Einen Witz machen und erzählen
  • Ein angewandtes Rechenexempel lösen
  • Aus einer Sprache in eine andere übersetzen
  • Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten.
- Es ist interessant, die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge der Sprache und ihrer Verwendungsweisen, die Mannigfaltikeit der Wort- und Satzarten, mit dem zu vergleichen, was Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben. (Und auch der Verfasser der Logisch-Philosophischen Abhandlung.)

[Die Zeichen am Anfang in der Liste stammen von mir]

Und dieses noch:

27. "Wir benennen die Dinge und können nun über sie reden. Uns in der Rede auf sie beziehen." - Als ob mit dem Akt des Benennens schon das, was wir weiter tun, gegeben wäre. Als ob es nur Eines gäbe, was heißt: "von Dingen reden." Während wir doch das Verschiedenartigste mit unseren Sätzen tun. Denken wir an die Ausrufe. Mit ganz verschiedenen Funktionen.


Wasser!
Fort!
Au!
Hilfe!
Schön!
Nicht!

Bist du nun noch geneigt, diese Wörter 'Benennungen von Gegenständen' zu nennen?

[...]

Benennen von Gegenständen ist selber eines von vielen Sprachspielen, das wir (als Kinder) lernen, fährt Wittgenstein fort, aber nicht etwas, was ein für allemal erklären kann, wie unsere Sprache funktioniert, mag man dazu denken.

Tuesday, May 31, 2016

DE 0023 Sprache und Denken. Zusammenfassung (ii)

# DE 0023

Ich will ein paar Worte zum ersten Punkt des letzten Kommentars verlieren. Ich habe in dieser ganzen Serie mehr oder weniger so getan, als stünden sich in der Frage um den Zusammenhang von Denken und Sprache die folgenden zwei Haltungen gegenüber: auf der einen Seite der Kontroverse steht demnach eine Gruppe von Theoretikern, die die Sprache als Ausdruck von Gedanken verstehen, wobei die Gedanken hauptsächlich als Produkt der Aktivität unseres Zentralnervensystems gesehen werden, die möglicherweise ein von der Sprache unabhängiges Medium darstellen, das manchmal Mentalese genannt wird - mir fällt kein deutscher Ausdruck dafür ein. Auf der anderen Seite haben wir einen von Wittgenstein beeinflussten Gesichtspunkt, der auf dem Standpunkt steht, dass der Frage, ob Gedanken sprachliche Konstrukte sind, und es in diesem Sinn ohne Sprache keine Gedanken geben könne, ein ungeeignetes Bild zugrunde liegt, und dass der Versuch eine semantische Theorie aufzustellen, die den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken in diesem Sinn zu klären versucht, aus diesem Grund zum Scheitern verurteilt ist: Die Frage macht so keinen Sinn. Die Einzelheiten dieser Diskussion haben uns nun eine Zeit lang in Atem gehalten.

Es ist nun aber so, dass in gewisser Weise das ganze XX. Jahrhundert von philosophischen Reflexionen um die Rolle der Sprache in unserem Leben (in unserem Denken, Wissen, Forschen, usw.) geprägt war, so sehr, dass man von einer "sprachlichen Wende" in der Philosophie spricht, die häufig mit dem philosophischen Werk von Gottlob Frege, Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein identifiziert wird, aus dem dann wenigstens ein wichtiger Aspekt der analytischen Philosophie hervorgegangen ist. Das Herangehen der analytischen Philosophie an die Frage über den Zusammenhang von Denken, Sprache und Wirklichkeit ist aber von völlig anderen Gesichtspunkten geleitet, als die Theorien der Geistesphilosophie, die wir im vorigen Absatz karikiert haben. Die Antworten, die im Rahmen der analytischen Philosophie auf diese Fragengruppe vorgeschlagen werden, unterscheiden sich sehr untereinander. So sehr, dass auch die Frage berechtigt ist, ob das Herangehen an die sprachtheoretischen Fragen in der Lage ist, die analytische Philosophie als solche zu charakterisieren.

Ungefähr gleichzeitig mit den Wurzeln der analytischen Philosophie ist auch die Phänomenologie entstanden (Dummett schließt das Werk ihres Begründers, Edmund Husserl, als eine der "kontinentalen" Wurzeln in die Ursprünge der analytischen Philosophie ein), aus der schließlich die Hermeneutik hervorgegangen ist, die ebenfalls um die Frage der Rolle der Sprache in unserem Leben kreist, und deren Herangehen weder mit der Geistesphilosophie (in obigem Sinn) noch mit der analytischen Philosophie in Einklang zu bringen ist.

Ich erwähne das alles um den Eindruck zu vermeiden, dass wir in unserer Diskussion hier die Frage wenigstens in ihren wichtigsten Aspekten ausreichend behandelt haben. Das haben wir natürlich nicht - mehr als 100 Jahre Sprachphilosophie können wir nicht in ein paar Kommentaren erledigen. Ich hoffe aber, wir haben wenigstens Verständnis für die Komplikationen der Frage geschaffen, und dass einige unserer Vorurteile, die uns ein bestimmtes Bild des Zusammenhangs zwischen Sprache und Denken aufdrängen, uns daran hindern die richtigen Fragen zu stellen, und deshalb besser aufgegeben werden sollten.

Sunday, May 29, 2016

DE 0022 Sprache und Denken. Zusammenfassung (i)

# DE 0022

Übersehene Themen und eine Arte Zusammenfassung (i)

1. Andere Theorien
Wovon wir ausgegangen sind, ist keine Theorie, sondern ein vages Gefühl. Es gibt aber mehr Möglichkeiten dieses vage Gefühl in Theorien zu gießen, als man aus meiner bisherigen Darstellung schließen könnte. Wir werden einige dieser anderen Möglichkeiten ganz kurz zu beschreiben versuchen.

2. Denken ist eine Fähigkeit, die wir mit Tieren teilen, die kein (so komplexes) Sprachverhalten haben wie wir (aus # DE 0003).

Schnelle Antwort: Auch wenn man das so sieht, es steht nicht in Widerspruch zu der Auffassung, dass das (komplexe) menschliche Denken ohne das (komplexe) menschliche Verhalten, in dem die Sprache eine wesentliche Rolle spielt, unmöglich wäre - es fehlte der Untergrund dafür: Man kann kein Ölbild in der Luft malen.

Instinktives Verhalten bei Tieren mag instinktivem Verhalten beim Menschen entsprechen - und wir kontrastieren es manchmal mit denkendem Verhalten.

Wir haben wenigstens einige Aspekte dieses Punktes im Laufe der Diskussion ausführlicher ab # DE 0006 behandelt, und ich vertraue mal darauf, dass die schnelle Antwort hier genügt.

3. Bedeutung: Ich habe in # DE 0004 behauptet, dass es ein Irrtum ist blindlings davon auszugehen, dass Wörter oder sonstigen Ausdrücke in unserer Sprache deshalb funktionieren, weil sie Zeichen für etwas außerhalb der Sprache, für etwas in der Realität sind; im konkreten Falle, dass die Bedeutung von 'Weinflasche' eine konkrete (oder vielleicht eine ideale) Weinflasche ist, die Bedeutung von 'entkorken' das Herausziehen eines Korkens vielleicht aus dieser konkreten (oder idealen) Weinflasche; und dass es deshalb ein Fehler ist, blindlings davon auszugehen, dass 'denken' ein Zeitwort ist, das ähnlich funktioniert wie zum Beispiel das Zeitwort 'laufen', so nämlich, dass es wie dieses eine bestimmte physische oder vielleicht geistige Aktivität bedeutet, und wir für die weitere Behandlung unserer Frage unproblematisch von dieser Voraussetzung ausgehen können.

Wir haben einige Andeutungen zum Thema gemacht, aber vielleicht muss es noch gründlicher behandelt werden, um eventuell meinte Hypothek aus DE # 0005 zu entlasten.

4. Wir haben in der Folge von DE # 0007 den Einwand nicht ausdrücklich behandelt, dass es falsch wäre zu behaupten, ohne sprachlichen Inhalte gäbe es kein Denken: wir haben jedoch im Zuge der Darstellung gesehen, dass wir ganz im Gegenteil vorschlagen, dass weder das Denken von Sprechen, noch das Sprechen von Denken "begleitet" ist. Denken ist ausdrücklich kein stilles zu sich selber Sprechen, und wenn ich spreche, denn denke ich nicht still den Satz, den ich sage, dazu.

5. Ich habe in DE # 0011 kurz die Frage der künstlichen Intelligenz gestreift, ohne wieder darauf zurückzukommen. Ich habe nicht vor, das Thema erschöpfend zu behandeln - aber im Rahmen der gegenwärtigen Diskussion um den Zusammenhang von Sprache und Denken können wir feststellen, dass die Art der Frage, wie sie etwa Daniel Dennett in den 90-iger Jahren aufwirft, auf einem Missverständnis beruht. Damit ist die Frage aber nicht erledigt, wenn wir zuerst zum Beispiel klären, was denn "künstliche Intelligenz" als Zielvorstellung einer technologischen Entwicklung wohl bedeuten könnte. Das würde aber ganz deutlich unsere gegenwärtige Fragestellung übersteigen.

Als nächstes wollen wir ein paar Worte zum Punkt 1 sagen. Punkt 3 braucht auch noch eine ausführlichere Behandlung um unser Thema abzuschließen, auch wenn es keine großen Überraschungen mehr geben wird. Punkt 5 erlaubt uns vielleicht einige Gesichtspunkte unserer Diskussion deutlicher herauszustellen. Und dann können wir die Diskussion eventuell in der versuchen mit einer Zusammenfassung der Fragen und der vorgeschlagenen Antworten abzuschließen.

Friday, May 27, 2016

DE 0021 Sprache und Denken

# DE 0021

Wir stellten im Beitrag DE 0019 fest, dass wir den Begriff der Farbe brauchen, wenn wir ein Farbenwort wie 'rot' richtig verwenden wollen. Ich will nun versuchen das ein bisschen mit Überlegungen zu untermauern, die um den Begriff 'Begriff' kreisen.

Bennett und Hacker (2003, 339) stellen zunächst einmal fest, dass Begriffe weder geistige Bilder sind, noch die Fähigkeit, geistige Bilder zu haben, noch Konstruktionen des Zentralnervensystems, die die eigenen Reaktionen zuordnen - wie Edelmann und Tononi vorschlagen, sondern Abstraktionen von der Verwendung eines Wortes. So teilen deutsche, englische, französische Sprecher einen Begriff, wenn sie in ihrer jeweiligen Sprache 'Schnee', 'snow', 'neige' bzw. 'nieve' richtig verwenden. Statt 'Abstraktion', denke ich, könnte man auch 'Verallgemeinerung' sagen, dann wird der Zusammenhang mit der Verwendung des Wortes deutlicher und es wird leichter zu sehen, dass die Gleichheit des Begriffes von diesen verschiedenen Sprechern nicht davon abhängt, dass sie alle das gleiche Bild eines weißen kalten Pulvers vor ihrem inneren Auge erzeugen (können), wenn sie an Schnee denken (ein Mann in französisch Guayana muss überhaupt keinen bildlichen oder sonstigen Sinneseindruck, etwa seine Kälte, von Schnee haben, um einen Begriff davon zu haben). Wie ist das mit einem Wort wie 'Schulden'? Aufgrund der Beschreibung der Situation 'Kärnten schuldet bundesweit den Steuerzahlern 15 Milliarden Euro' und 'Helga schuldet ihrem Friseur das Honorar für die Schönheitsbehandlung vom letzten Freitag' lässt sich allgemein feststellen, dass ich das Wort 'schulden' unabhängig von der konkreten Situation richtig verstehe und verwenden kann. Ich hätte keine Ahnung, was da ein gemeinsames Bild sein könnte. Bennett und Hacker sagen dazu:

Für eine gewisse Art von Begriffen (aber nicht für alle) hat jemand, der einen Begriff B hat, die Fähigkeit Fälle zu erkennen, die unter ihn fallen; Dinge zu unterscheiden, die B sind, von solchen, die dies nicht sind. Wenn B zu sein die Folge hat, C zu sein aber nicht D, dann ist es ein Kriterium dafür, dass jemand den Begriff B nicht beherrscht, wenn er ihn einem Gegenstand zuschreibt und zugleich leugnet, dass der Gegenstand C ist oder behauptet, er wäre D. (340)

Es genügt nicht rot von blau zu unterscheiden, sondern man muss wissen, wie man das Wort 'rot' in den verschiedensten Umständen richtig verwendet: Ausgedehnte Gegenstände können rot sein, Gerüche nicht, und auch nicht, wie mir das Schmalzbrot schmeckt. Eine Oberfläche, die ganz rot ist, kann nicht gleichzeitig ganz blau sind, und so weiter (Bennett und Hacker, 2003, 340-341).

Das ist so, wie wir ungefähr ja schon gesehen, haben, weil unser Zusammenleben zu komplex ist, als dass das bloße Wiedererkennen für die Zuschreibung von Begriffen genügen würde; auch wenn ein Hund andere Hunde von Katzen unterscheiden kann, hat er in unserem normal Sinn von 'Begriff' den Begriff 'Hund' und 'Katze' nicht. Wir könnten den Begriff 'Begriff' so verdünnen, stellen Bennett und Hacker fest, dass wir auch Hunden den Besitz von Begriffen zuschreiben könnten. Aber es ist schwer einzusehen, welchen Vorteil das hätte. Klarer wird dadurch nichts, und Entdeckung ist das schon gar keine.

* * *

Wir haben im Prinzip auch schon ziemlich zu Anfang festgestellt, dass wir nicht wortlose Gedanken übersetzen, wenn wir sprechen. Wir verwenden allerdings häufig Ausdrücke, die suggerieren, dass sich das Denken in einem bestimmten Medium abspielt, aus dem dann eben in die hörbare Sprache übersetzt wird. Ich selber sage zum Beispiel recht häufig, dass ich auf deutsch oder spanisch oder englisch denke, wenn ich in meinem Notizbuch eine Eintragung in einer dieser Sprachen mache. Was ich damit allerdings meine, ist nicht, dass ich einen Satz zuerst in einer dieser Sprachen denke, bevor ich ihn laut ausspreche oder niederschreibe; eher im Gegenteil. Ich "denke auf spanisch", weil ich nicht erst einen deutschen Ausdruck mühsam ins spanische übersetzen muss, sondern ich sage oder schreibe einfach auf spanisch, was ich sagen will. Das ist alles, was damit gemeint ist. Natürlich suche ich manchmal einen spanischen Ausdruck, für den mir zuerst der deutsche einfällt, oder umgekehrt. Aber das ist nicht anders, als wenn mir ein deutscher Ausdruck nicht einfällt, und ich sage "ich habe ihn auf der Zungenspitze - warte mal; er kommt gleich." Hier fehlt mir einfach ein Ausdruck - es wird nichts übersetzt.

* * *

Wahrscheinlich haben wir noch einige lose Enden übrig gelassen. Ich werde nächstens versuchen, diese aufzugreifen, und dann können wir vielleicht bald einmal daran denken, unsere ursprüngliche Frage als ausreichend behandelt anzusehen.

Wednesday, May 25, 2016

DE 0020 Sprache und Denken

# DE 0020

Es war ein Fortschritt, dass uns klar geworden ist, dass wir von der Farbe auf dem Auto reden, wenn wir sagen, das Auto sei blau oder rot, und nicht etwa von dem Farberlebnis, das ich dabei in meinem Geist oder in meiner Seele habe, und das vielleicht für jeden von uns ganz verschieden ist (vielleicht sogar so, dass der Farbeindruck, den ich vom roten Auto habe, der gleiche ist, den Du hast, wenn Du ein blaues Auto siehst) [Vgl. Philosophische Untersuchungen 272 - 280. Gegen Ende dieser Folge von Kommentaren heißt es:

278. "Ich weiß, wie mir die Farbe Grün erscheint" - nun, das hat doch Sinn! - Gewiss; welche Verwendung des Satzes denkst du dir?
279. Denke dir einen, der sagte: "Ich weiß doch, wie hoch ich bin!" und dabei die Hand als Zeichen auf seinen Scheitel legt!]

Die "privaten Farbeindrücke" - könnten sie spezielle Namen erhalten, die sie von den öffentlichen Farben unterscheiden? [PU 273] z.B. 'rot' ist die Farbe auf dem Auto, und 'rot*' der Eindruck den ich davon habe, oder die 'Qualia', wie das seit dem letzten Viertel des XX Jahrhunderts begeistert von einigen Anhängern der Neurophilosophie genannt wird. Bennett und Hacker widmen auch diesem Thema einen erheblichen Teil von PFN, aber wir lassen es, jedenfalls vorläufig, damit bewenden, dass wir von der Farbe des Autos reden, wenn wir 'rot' sagen, und nicht von einem privaten Erlebnis.

* * * * *

Es gibt aber nun noch einen Einwand gegen den Vorschlag, dass wir den Begriff der Farbe brauchen um Wörter wie ´rot´ oder 'blau' zu verstehen:

"Ich muss doch wissen, ob ich von der Farbe rede, wenn ich ein Auto rot oder blaue nenne, und nicht von seiner Bereifung oder der Anzahl der Türen. Ganz unabhängig von meiner Beherrschung von Begriffen wie 'Farbe'." Damit hängt vielleicht auch zusammen: "Ich weiß doch, was ich meine, auch wenn ich mich im Ausdruck irre. Es kommt doch vor, dass ich ´Hallo Karl' sage, aber 'Hallo Peter' meine. Das ist kein Hindernis für mich zu wissen, dass ich von Anfang an Peter gemeint habe, und nicht Karl, auch wenn ich 'Karl' gesagt habe."

Die kurze Antwort ist, dass 'meinen' nicht eine bestimmte Tätigkeit bezeichnet, sondern je nach den Umständen ganz Verschiedenes. Aber in keinem Fall handelt es sich dabei um einen inneren (psychologischen) Mechanismus, der mir erlauben würde einen inneren Zustand z.B. mit einem gesprochenen Wort zu verknüpfen. Wittgenstein behandelt das Meinen in dem Sinn, der hier für uns relevant ist, in einer recht langen Serie von Kommentaren von 661 bis 693. Am Ende der Serie, das gleichzeitig das Ende von Teil I ist (d.h. das Ende des Teils, den Wittgenstein selber weitgehend zur Veröffentlichung vorbereitet hat), heißt es:

"693. Wenn ich Einen [eine bestimmte Technik] lehre, meine ich doch, er solle [... ]." - Ganz richtig: du meinst es. Und offenbar, ohne notwendigerweise auch nur daran zu denken [im Beispiel kommt die Verblüffung daher, das der Schüler das scheinbar Selbstverständliche nicht tut]. Das zeigt dir, wie verschieden die Grammatik des Zeitworts 'meinen' von der des Zeitworts 'denken' ist. Und nichts Verkehrteres, als Meinen eine geistige Tätigkeit nennen! Wenn man nämlich nicht darauf ausgeht, Verwirrung zu erzeugen. (Man könnte auch von einer Tätigkeit der Butter reden, wenn sie im Preis steigt; und wenn dadurch keine Probleme erzeugt werden, so ist es harmlos.)

[Die Teile in eckigen Klammern sind von mir eingefügt und ersetzen zum Teil einen Text, der sich auf frühere Beispiele bezieht. Die Hervorhebung ist von mir.]

Ich hoffe ich habe den Einwand wenigstens vorläufig genug von unserer Diskussion getrennt, dass wir nun wieder zur Frage der Begriffe im Rahmen unserer Überlegungen zurückkehren können.


Tuesday, May 24, 2016

DE 0019 Sprache und Denken

# DE 0019

Ich will folgenden möglichen Einwand gegen das Beispiel im letzten Kommentar behandeln, bevor wir weitergehen.

"Es ist schon möglich, dass wir den Fehler des Ausländers nur entdecken, wenn er das Wort 'blau' falsch anwendet. Aber er wendet es doch nur falsch an, weil er das Bild von rot in seinem Geist mit einem falschen Namen belegt. Und das ist doch der springende Punkt."

Warum das Bild im Geist? Er hatte ein physisches rotes Auto vor Augen und sagte fälschlicherweise, es sei blau. Er konnte direkt die farbliche Eigenschaft des Autos nennen - wozu der Umweg über ein Bild im Geist, das niemand sehen kann, und das auch keineswegs vorhanden sein muss.

"Aber dann haben wir nicht die Verbindung zwischen dem Wort, und wie der Ausländer seine Bedeutung lernt - nämlich mit Hilfe eines Farbmusters."

Nun, wir alle lernen den Gebrauch der Farbwörter, indem wir die Farbnamen verschiedener färbiger Gegenstände lernen. Das ist alles, was wir brauchen, damit wir uns über Farben verständigen können. Und das ist auch alles, was wir mit sprachlichen Mitteln feststellen können. Wir machen ja zum Beispiel keinen MRS, wenn wir mit jemandem über die Farbe eines Autos reden (und das würde auch nichts nützen). Wir wissen, was er sagt, weil er die Worte so verwendet wie wir. Was dabei in seinem Zentralnervensystem vorgeht, hat mit der Beziehung zwischen Wort und Bedeutung nichts zu tun.

Der Ausländer mag ein Bild vor Augen haben, oder nicht, wenn er das rote Auto blau nennt. Es ist für den Ausgang der Sache vollkommen gleichgültig - und daher für unser Problem irrelevant.

Es geht ja hier auch um mehr, als um das Beispiel mit den Farben. Was dieses Beispiel zeigen soll, ist, dass wir im Prinzip die Bedeutung von Wörtern durch ihre Anwendung lernen. Und daher verhält es sich, wie Wittgenstein in Philosophische Untersuchungen feststellt:

43. Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes 'Bedeutung' -wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung - dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.

Nicht nur ist irrelevant, welche Farbe sich der Ausländer vorstellt, sofern er sich überhaupt eine vorstellt, wenn er "blau" sagt, es ist insgesamt gleichgültig für die Bedeutung der Wörter, welches Bild ich mit ihnen verknüpfe, wenn ich es ausspreche. Ich muss überhaupt nichts damit verknüpfen, solange ich es nur richtig verwende. Andernfalls wäre die sprachliche Verständigung so gut wie unmöglich, denn wir alle verbinden ganz sicher ganz verschiedene Vorstellungen mit den selben Wörtern; ich meine, verschiedene Personen unter einander, und die selben Personen zu verschiedenen Zeitpunkten. Es wäre vollkommen unmöglich zu wissen, wovon wir reden, und wir selber wüssten nicht, woran wir denken: wenn man bei 'rot' an ein rotes Auto denkt - ist es dann die Farbe, das Modell, die Zahl der Reifen, ob es zwei oder vier Türen hat... Wie sollen wir das entscheiden, außer indem wir wissen, dass 'rot' eine Farbe ist - und das ist etwas, was von unserem Umgang mit Begriffen abhängt. Ein reines Vorstellungsbild kann das nicht lösen.

Damit haben wir einen Übergang zum nächsten Thema.