Saturday, May 14, 2016

DE 0011 Sprache und Denken

# DE 0011

Ich glaube, wir sind nun zu dem Schluss gekommen, dass, wenn wir von 'denken' reden, normalerweise von Situationen reden, die es ohne menschliche Sprache nicht gäbe.

Die Frage, die allerdings schon vorher aufgetaucht war, war nun, ob das Zeitwort 'denken' nicht unabhängig von dieser Beobachtung einen inneren Vorgang bezeichnet, wie zum Beispiel, was ich tue, damit mir ein Wort einfällt, das in einem ansonsten fertig formulierten Satz vorkommt.

Zum Beispiel, was passiert zwischen der Formulierung des Gedankens: "Der Komponist der Symphonie Fantastique heißt ...." und des ein paar Sekunden oder Minuten, oder vielleicht Tagen später gedachten Ausdrucks "Hector Berlioz". Wir wollen hier nochmals ausdrücklich festhalten, dass es sich dabei nur um ein Beispiel eines bereits in Worte gefassten Gedankens handelt, zu dem nur ein Bestandteil fehlt, auf den ich dann später komme; dies ist aber keine zwingende Voraussetzung um überhaupt von Gedanken sprechen zu können. Zwischen den beiden Momenten, in denen ich zuerst den unvollständigen Gedanken ausspreche, und dann das erlösende Komplement, mag ich mir nun zuflüstern "wie heißt er bloß, wie heißt er bloß", oder ich mag versuchen dem Rat zu folgen "meinem Gehirn/meiner Erinnerung das Kommando zu geben: 'gib mir den Namen des Komponisten der Symphonie Fantastique' ", oder auch nicht. Was klar ist, ist dass es keinen bewussten Vorgang gibt der den einen Moment mit dem anderen verbindet. Ich kann mir nicht dabei "zusehen", wie ich es mache, dass mir 'Hector Berlioz' einfällt. Alles was ich feststellen kann, ist, dass ich den Namen zuerst nicht wusste, und dann wusste ich ihn plötzlich.

Ist das, was da passiert, die Essenz des Wortes 'denken'? Oder kann es allenfalls unter den richtigen Umständen gemeint sein?

* * * * *

Ich mache nun einen Gedankensprung (in Wirklichkeit hauptsächlich, weil ich inzwischen Sirup für die Kolibris im Garten gekocht und mir einen Kaffee gemacht habe). Ich glaube aber, es ist leicht nachzuvollziehen, was dazwischen liegt, ohne dass ich es auszuführen brauche. Ich habe die letzte Frage einfach einmal hypothetisch mit 'ja' beantwortet, obwohl ich davon überzeugt bin - wie ich ja mehrfach angedeutet habe - dass dies nicht die richtige Antwort ist. Und ich bin unter dieser Annahme dann einem möglichen Versuch auf der Spur, eine zufrieden stellende Antwort auf die empirische Frage "Was ist denken?" zu finden; nämlich das Denken mit gewissen neuronalen Aktivitäten zu identifizieren, was, wenn es zuträfe, uns vielleicht erlauben würde genau herauszufinden, was das Denken eigentlich ist, indem wir die entsprechende Hirnaktivität erforschen.

Wir wissen seit geraumer Zeit, dass wir ohne Hirn nicht denken können. Aber ohne Hirn können wir auch nicht sehen, nicht hören, nicht laufen und keinen Geschlechtsverkehr haben. Andererseits können wir das alles auch nicht ohne Kohlenstoff,  Phosphor, oder Eisen, ohne Licht, ohne Luft oder Wasser, ohne Beine und ohne einen Mann oder eine Frau. Niemand kommt auf die Idee zu glauben, er könne den Geschlechtsverkehr mit einer Hirnaktivität identifizieren (wie viel billiger käme uns der Sex! Sorry for the bad joke). Woher kommt die Idee, das Denken mit einer Hirnaktivität zu identifizieren?

Eine vollständige Antwort darauf muss Bezug auf unsere Kultur und Geistesgeschichte nehmen, denke ich; ein großer Teil der Vorstellungen, die dahinter stecken, können wir auf die gedankliche Revolution zurückführen, für die als wichtigster Exponent René Descartes steht. Eine kürzere Antwort mag feststellen wollen, dass wir im Unterschied zum Sehen, Hören, Laufen oder Kopulieren keine anderen materiellen Voraussetzungen brauchen (und Phosphor, etc., liegt ja auch der neuronalen Aktivität zugrunde). "Der Gedanke ist frei!" und etwas, was tief in meinem Innern abläuft, wenn überhaupt, dann nur mir direkt zugänglich. Eine Magnetresonanz mag Hirnströme identifizieren können. Aber was für Gedanken ich dabei habe, kann nur ich sagen. Das einzige, was ich dazu brauche, scheint die Hirnaktivität zu sein: also liegt der Schluss nahe: Denken = neuronale Aktivität. Es gibt wirklich Leute, die das glauben...

Eine andere Frage, die damit zusammenhängt, ist die nach der Möglichkeit der "künstlichen Intelligenz"; gemeint ist hier hautpsächlich eine Intelligenz, die auf einer künstlichen neuronalen Operation nach Algorithmen beruht; ich denke, dass es diese Frage war, die die ursprüngliche Opposition gegen die Auffassung, dass die Sprache eine Voraussetzung  des Denkens sei, motiviert hat, die schließlich diese ganze Diskussion ins Rollen gebracht hat. Ich weiß das aber nicht genau. Wir werden im Laufe der weiteren Diskussion auch versuchen diese letzte Frage in ein Licht zu rücken, das uns erlaubt die dahinter stehende (philosophische) Sorge zu zerstreuen.


Thursday, May 12, 2016

DE 0010 Sprache und Denken

DE # 0010

Es könnte nach der bisherigen Diskussion nun so scheinen, als wäre die Frage nach der wechselseitigen Abhängigkeit von Sprache und Denken eine eher belanglos akademische Übung.

Das ist aber nicht so, denke ich. Denn die Sprache ist ja, wie wir gerade gehört haben, nicht etwas, was außerhalb von Zeit und Raum steht, sondern ein Teil unseres lebendigen Daseins in der menschlichen Gemeinde. Indem wir sehen, dass das Denken von diesen im Laufe der menschlichen Entwicklung vielfältigen Wandlungen unterworfenen Phänomenen abhängt, untergraben wir die Idee, dass das Denken einer übernatürlichen Rationalität entspringt, die außerhalb von Raum und Zeit steht, und die zum Beispiel direkt ein Geschenk Gottes ist, mit dem Er uns über den Rest der Tierwelt erhoben hat. Oder dass wir nichts sind als Manifestationen des zu sich selbst findenden absoluten Geistes, wie in etwa Hegel vorschlug. Aber natürlich ist auch das etwas komplizierter, als ich hier vorgebe. Ich will keineswegs einem extremen Materialismus das Wort reden.

Nach dieser Nachbemerkung zu einem Thema, das ich nun abgeschlossen glaube, wende ich mich nächstens wirklich der Frage zu, ob das Zeitwort 'denken' einen inneren Vorgang bezeichnet, den im Prinzip nur ich kenne, weil er eben in meinem ganz persönlichen 'ich' abläuft. Aus der geschraubten Formulierung kann man natürlich schon ahnen, dass die Antwort 'nein' ist. Aber um dahin zu kommen, werden wir eine Weile brauchen.

DE 0009 Sprache und Denken

DE # 0009

Den nächsten Teil des Einwands:

"Nur kann man doch aus dieser Verbindung nicht den Umkehrschluss ziehen und behaupten, dass alles Denken in enger Verbindung mit Sprache stehen muss - oder?"

habe ich, denke ich, zum Teil schon behandelt, indem ich versucht habe daran zu erinnern, dass sich unser Denken wesentlich unter der Voraussetzung abspielt, dass wir, wenn man will, essentiell sprachbegabte Tiere sind; auch Handlungen, die ohne die Verwendung von Sprache ablaufen, sind in unserer allgemeinen Lebensform eingebettet, die eben ganz wesentlich von dem Umstand gestaltet ist, dass wir (unter anderen Manifestationen) ohne Sprache nicht auskommen (auch Taubstumme leben in einer durch die Sprache wesentlich mitgestalteten Welt). Es ist also nicht gemeint, dass unser Denken immer nach einem sprachlichen Muster abläuft, etwa wie ein Computerprogramm nach einem Algorithmus, sondern dass unser Denken nicht etwas von unserem sonstigen Leben losgelöstes ist, und deshalb ohne Sprache nicht sinnvoll vorstellbar ist. Wenn ich einen Stinkefinger mache, dann ist das eine komplizierte Beleidigung, das ich da ohne jede Satzstruktur denke (ich denke ja keineswegs einen Satz oder eine Reihe von Sätzen dazu). Wie man sieht, ich habe kein Problem das Wort 'denken' auf etwas anzuwenden, das keinen ausdrücklichen Satz zum Inhalt hat. (Auch das ist natürlich nicht auf meinem Mist gewachsen. Es wird berichtet, dass der italienische Denker Piero Sraffa Wittgenstein seine Obsession mit Satzstrukturen ausgetrieben hat, indem er ihn aufforderte eine typische italienische Geste in ihre grammatischen Bestandteile zu zerlegen).

Wie ich den Einwand verstehe, wäre damit die Sorge, die ihm Leben gibt, ausgeräumt. 

Es bleibt uns nun, glaube ich, als nächstes der nahe liegende Einwand, dass 'denken' eben einen psychologischen Akt meint, der prinzipiell nicht erfassbar ist, z.B. durch Introspektion.Die Bedeutung dieses Einwandes für die Frage, um die es hier für uns geht, mag mit unseren Beobachtungen bis hierher auch etwas geschrumpft sein. Aber insgesamt ist es ein wichtiges Missverständnis, dem wir auch versuchen sollten den Wind aus den Segeln zu nehmen.



DE 0008 Sprache und Denken

# DE 0008

Der erste Einwand wirft Wittgenstein hauptsächlich vor, dass er keine "saubere Abhandlung" zum Verhältnis von Sprache und Denken liefert.

Dieser Einwand mag nun zum Teil aus meiner Auswahl des Zitats geboren sein. Wittgenstein hat noch vieles andere zu dieser Frage zu sagen, vorher und nachher. Zum Beispiel, fast auf der selben Seite, sagt er im § 332:

332. 'Denken' nennen wir wohl manchmal, den Satz mit einem seelischen Vorgang begleiten, aber 'Gedanke' nennen wir nicht jene Begleitung. - Sprich einen Satz und denke ihn; sprich ihn mit Verständnis! - Und nun sprich ihn nicht, und tue nur das, womit du ihn beim verständnisvollen Sprechen begleitet hast! - (Sing dies Lied mit Ausdruck! Und nun sing es nicht, aber wiederhole den Ausdruck! - Und man könnte auch hier etwas wiederholen; z.B. Schwingungen des Körpers, langsameres und schnelleres Atmen, etc.).

oder

334. "Du wolltest eigentlich sagen ...." - Mit dieser Redeweise leiten wir jemand von einer Ausdrucksform zu einer anderen. Man ist versucht, das Bild zu gebrauchen: das, was er eigentlich 'sagen wollte', war er 'meinte', sei, noch ehe wir es aussprachen, in seinem Geist vorhanden gewesen. Was uns dazu bewegt, einen Ausdruck aufzugeben und an seiner Stelle einen anderen anzunehmen, kann von mannigfacher Art sein. Das zu verstehen, ist es nützlich, das Verhältnis zu betrachten, in welchem Lösungen mathematischer Probleme zum Anlass und Ursprung ihrer Fragestellung stehen. Der Begriff 'Dreiteilung des Winkels mit Lineal und Zirkel', wenn einer nach der Dreiteilung sucht, und anderseits, wenn bewiesen ist, dass es sie nicht gibt.

Es gibt viele andere Beispiele. Aus allen zusammengenommen wird aber nie eine "saubere Abhandlung", da hat der Einwand schon ins Schwarze getroffen. Was eine saubere Abhandlung tut ist, im Prinzip, eine Hypothese vorzuschlagen, mit deren Hilfe man in der Wissenschaft typischerweise natürliche Phänomene erklärt. Zum Beispiel, welche Axonen in meinem Broca Areal aktiviert werden, wenn ich das Wort 'Wittgenstein' sage.

Aber Wittgenstein hat ein anderes Ziel: er überlässt das Aufstellen von Thesen über die Wirklichkeit der Wissenschaft, und sieht seine Aufgabe darin, unsere philosophisch motivierten Verblüffungen aufzulösen, indem er zeigt, dass sie zumeist darauf beruhen, dass wir Missbrauch mit der Sprache betreiben. Deshalb gibt es für ihn keine philosophischen Thesen: Man kann nur nach und nach Verständnis dafür erzielen, dass wir beim Versuch philosophische Thesen aufzustellen die sprachlichen Ausdrücke in einer Weise verwenden, die vom normalen Sprachgebrauch nicht sanktioniert wird, und somit ihre Bedeutung nicht mehr unter Kontrolle haben: wir verstehen recht eigentlich nicht, was wir sagen. Wir verlieren, sozusagen, den Boden unter den Füßen, auf dem wir fest zu stehen meinten.

Es geht nicht nur den Philosophen so, dass sie sich in ihren eigenen Thesen verwirren, weil sie sich von sprachlichen Bildern verführen lassen, die sich beim näheren Hinsehen als Chimären erweisen. Das passiert oft auch den Wissenschaftlern, wenn sie versuchen populäre Erklärungen ihrer in wissenschaftlicher Sprache abgefassten Theorien zu geben. Berühmte Beispiele dafür sind meiner Meinung nach Stephen B. Hawkings A Brief History of Time oder Francis Cricks The Astonishing Hypothesis, die populärwissenschaftlichen Bücher von Richard Dawkins im allgemeinen oder alle jene, in denen er seine atheistische Religion zu verbreiten sucht , usw. Die Liste kann man ziemlich lange fortsetzen.

Auf die Gefahr hin, mehr Missverständnisse als Einsichten zu produzieren, werde ich zwei berühmte Textstellen zitieren, in denen Wittgenstein Andeutungen macht in der Richtung, die ich in den letzten Absätzen kurz beschreiben wollte:

309. Was ist dein Ziel in der Philosophie? - Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.

In gewisser Weise, als Vorbereitung für den Text den ich eigentlich zitieren will, zunächst Teile von § 107 und 108. Hier nimmt Wittgenstein unter anderem die Auffassung unter die Lupe, dass Begriffe wie 'Satz', 'Sprache', usw. eine scharfe Grenze haben müssen - denn wie sollte man sonst definieren, was diese Worte bezeichnen?

107. Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr und unserer Forderung [Der Satz, das Wort, von dem die Logik handelt, soll etwas Reines und Scharfgeschnittenes sein; § 105]. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben; sondern sie war eine Forderung.) [...]

108. Wir erkennen, dass, was wir 'Satz', 'Sprache', nennen, nicht die formelle Einheit ist, die ich mir vorstellte, sondern die Familie mehr oder weniger miteinander verwandter Gebilde. - Was aber wird aus der Logik? Ihre Strenge scheint hier aus dem Leim zu gehen. [...]

Die Philosophie der Logik redet in keinem anderen Sinn von Sätzen und Wörtern, als wir es im gewöhnlichen Leben tun, [...]

Wir reden von dem räumlichen und zeitlichen Phänomen der Sprache; nicht von einem unräumlichen und unzeitlichen Unding. [...] Aber wir reden von ihr so, wie von den Figuren des Schachspiels, indem wir Spielregeln für sie angeben, nicht ihre physikalischen Eigenschaften beschreiben.

Die Frage "Was ist eigentlich ein Wort?" ist analog der "Was ist eine Schachfigur?"

Und nun das Ziel dieser vorbereitenden Bemerkungen:

109. Richtig war, dass unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein durften. [...] Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unseren Betrachtungen sein. Alle Erklärung muss fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d. i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, dass dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb, es misszuverstehen. Diese Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.

Ich denke es ist nun jedenfalls klar, dass Wittgenstein von dem Vorwurf, keine saubere [theoretische] Abhandlung über den Zusammenhang von Sprache und Denken vorzulegen, nicht betroffen fühlen würde. Es gibt keine theoretischen Schlüsse hier, weder in der einen, noch in der anderen Richtung. Ich glaube, den Rest des Einwandes können wir von der Kritik an Wittgenstein loslösen und versuchen ihn im Rahmen unserer allgemeinen Überlegungen einer Lösung zuzuführen.



Wednesday, May 11, 2016

DE 0007 Sprache und Denken

# DE 0007

Dass das Zeitwort 'denken' einen inneren, im Grunde unfassbaren Vorgang bezeichnen soll, ist eines jener tief sitzenden Vorurteile, von denen Wittgenstein spricht, die keine dummen Vorurteile sind. Jedenfalls gibt es einen ganzen Zweig der Philosophie, der auf diesem und ähnlichen Vorurteilen aufbaut, und auch wenn ich persönlich glaube, dass er für eine unglückliche Entwicklung der westlichen Philosophie steht, da sie über Stufen überwunden geglaubter Verwirrungen klettert, kann ich sie doch nicht ignorieren. Der Engländer Peter Hacker, ein berühmter Wittgenstein-Gelehrter, und Maxwell Bennett, ein australischer Neurowissenschafter  haben ein dickes Buch geschrieben um diese Art von Vorurteil in den Neurowissenschaften zu untergraben; mir gefällt der Diskussionsstil der beiden nicht, aber vieles von dem, was sie sagen, trifft meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf.

Da es sich um ein tiefes und nicht dummes Vorurteil handelt, gibt es kein einfaches und kurzes Argument um es auszuräumen. Ich werde wohl auch auf die eine oder andere Idee aus dem erwähnten Buch zurückgreifen: Philosophical Foundations of Neuroscience; M. R. Bennett and P. M. S. Hacker; Blackwell Publishing; Malden, USA; Oxford, UK; Carlton, Australia; 2003.

* * * * *

Bevor wir in dieser Richtung fortschreiten können, müssen wir allerdings ein paar neue Einwendungen zu Antworten bedienen, die wir zu früheren Fragen gegeben haben. Diese Einwendungen beziehen sich allerdings nicht auf etwas was ich geschrieben habe, sondern auf die Textstellen von Wittgenstein, die ich zitiert habe.

Meine philosophische Überzeugungen kann ich zu einem ganz großen Teil auf Dinge zurückführen, die ich bei Wittgenstein gelesen habe, oder beim Studium von Kommentaren zu Wittgenstein. Wenn ich Wittgenstein hier zitiert habe, dann nicht so sehr weil ich mich direkt auf Aussagen von ihm für mein Argument stützen wollte, sondern weil ich den Eindruck vermeiden wollte, dass, was ich sage, auf meinem Mist gewachsen ist. Ich bin kein besonders origineller Denker.

Wittgenstein ist ein sehr schwieriger Autor, den man sehr, sehr leicht missversteht; zumal wenn man nur ein Schnipsel von seinem Text vorgesetzt bekommt. Und auch, wenn man ihn gründlich studiert, nehmen die Missverständnisse kein Ende; bei berühmten Denkern, und bei Studenten erst recht. Ein Prinzip, das Wittgenstein bei der Abfassung seiner Texte eingehalten zu haben scheint, lautet: "Man darf dem Leser das Denken nicht ersparen [wollen]." Wittgenstein versteht, was er sagt, hauptsächlich als Anregung zum Selberdenken, nicht als weitläufige Beschreibung, die man einfach nur hinunterzuschlucken braucht.

Auf der anderen Seite, jedoch, konnte ich letztendlich der Verführung nicht widerstehen, den Versuch zu machen ein Stückchen Text von Wittgenstein ein bisschen zu kommentieren, für jemanden, der sich nicht so lange wie ich mit seinen Schriften beschäftigt hat. Wie weit das von Erfolg gekrönt sein kann, ist eine andere Frage.

Die Einwände, die wir auszuräumen haben, sind mehr oder weniger wörtlich die folgenden:

"Bei den Antworten (zumindest in den zitierten Auszügen) schwindelt [Wittgenstein] sich ... um eine saubere Abhandlung herum. Er benennt Denkprozesse aus denen sprachliche Formulierungen entstehen als "Absicht" , "Sprechenwollen" oder "Vorstellung des Redens" und folgert aus der Tatsache, dass dies "Sprechen können" voraussetzt, dass diese Denkprozesse ausschließlich sprachbezogen sind ... sehr dürftig!

Ich möchte ... gar nicht bestreiten, dass alles Denken rund um das Verarbeiten und Erzeugen sprachlicher Inhalte (z.B. weil ich mich mitteilen oder mit einem Mitmenschen sprachlich austauschen will)  mehr oder weniger mit der jeweiligen Sprache in enger Verbindung steht.
Nur kann man doch aus dieser Verbindung nicht den Umkehrschluss ziehen und behaupten, dass alles Denken in enger Verbindung mit Sprache stehen muss - oder?
Ein ähnlich falscher Umkehrschluss wäre z.B. ... wenn ich keine sprachlichen Inhalten denke, denke ich nicht .. das wäre eine fundamentale Einschränkung des Begriffs Denken die - wie schon einmal gesagt - mit meinem Begriff Denken nicht viel zu tun hätte."

Unser nächster Beitrag wird also versuchen auf diese Einwendungen einzugehen, nicht so sehr, wie schon angedeutet, um in unserer Diskussion der ursprünglich aufgeworfenen Fragen weiterzukommen - obwohl das vielleicht auch dazu beitragen mag - sondern eher um ein besseres Verständnis des einen oder anderen Aspekts von Wittgensteins Philosophie zu schaffen. Man wird mir dabei vieles einfach glauben müssen, denn die Textstelle ist sehr kurz und begrenzt in dem, was sie für unser allgemeines Verständnis hergeben mag.


DE 0006 Sprache und Denken

# DE 0006

Die Frage war also: "Wie kann es sein, dass das Denken von der Sprache abhängt, wenn wir doch ständig erleben, dass wir eine unklare Idee von etwas haben können, für die wir die genaue sprachliche Formulierung erst suchen müssen. Ist das nicht ein klarer Beweis dafür, dass wir Gedanken ohne Sprache haben können, und dass vielmehr die Sprache von den Gedanken abhängt?"

Die kurze Antwort darauf ist, wie hoffentlich aus dem bis hierher gesagt relativ leicht einzusehen ist, dass die beiden Gedanken sich nicht widersprechen. Die Sprache ist Bedingung dafür, möchte man sagen, dass wir gewisse (noch nicht fertig formulierte) Ideen überhaupt haben können. Ohne die Institution der Geburtstagsfeier kann ich nicht in die Verlegenheit kommen, die richtigen Worte auf einer Geburtstagskarte suchen zu müssen. Es braucht eine ganze Reihe höchst komplizierter sozialer Einrichtungen, damit es Geburtstage und Geburtstagsfeiern geben kann - und in den allermeisten von ihnen spielt die Sprache eine vitale Rolle; nicht als Bedingung die vor der Möglichkeit existiert, aber als nicht wegdenkbarer Teil davon.

Ich kann nichts denken, von dem ich keinen Begriff habe (aber ich kann natürlich alte Begriffe zu neuen Begriffen z.B. kombinieren). Und die Begriffe, die wir haben, sind mit regelmäßigen menschlichen Tätigkeiten verknüpft, in denen die Sprache eine wesentliche Rolle spielt. Die Rolle, die die Sprache in diesen Tätigkeiten spielt, kann ganz verschieden sein; manchmal tritt sie nur als Beschreibung der Tätigkeit auf, manchmal ist sie selbst ein vitaler Teil davon, wie zum Beispiel bei einem Befehl. Aber irgendwie kommt die Sprache so gut wie immer dabei vor.

Es ist auf diese Weise, dass Handeln, Sprechen und Denken miteinander vital verknüpft sind. Dass wir manchmal um ein geeignetes Wort erst ringen müssen, steht bei genauerer Betrachtung in keinem Widerspruch zu dieser fundamentalen Verknüpfung; es ist vielmehr klar, dass es dieser fundamentalen Verknüpfung bedarf, damit ich überhaupt in die Lage kommen kann, nach geeigneten Worten suchen zu müssen. Und diese vitale Verknüpfung besteht für mich deshalb, weil ich ein Mensch bin, der in einer (Sprach- und Denk)-Gemeinde aufgewachsen ist. (Auf die Frage "wie weißt Du, dass das rot ist?" ist für Wittgenstein die natürlichste Antwort: "weil ich deutsch kann.")

Ich will mal annehmen, dass dies auf keinen Widerspruch stößt, aber natürlich sind damit noch nicht alle aufgeworfenen Fragen beantwortet. So bleibt zum Beispiel der Einwand:

"Aber Denken ist doch eine psychologische Tätigkeit, eben dieser geheimnisvolle Vorgang, der mich die richtigen Worte finden lässt. Darauf gibt doch das Geschwafel da oben keine Antwort!"

Mal sehen, was mir dazu einfällt.


Tuesday, May 10, 2016

DE 0005 Sprache und Denken

# DE 0005

Es ist vom Prinzip her ziemlich einfach ein philosophisches Problem zu lösen: Man braucht nur zu zeigen, dass es kein Problem ist. In der Praxis ist es dann freilich meistens sehr schwierig, das erfolgreich umzusetzen. Ich will mein Glück zunächst mit dem zuletzt aufgezeigten Problem versuchen: Wie kann das Denken von der Sprache abhängig sein, wenn wir ohne Zugriff auf sprachliche Mittel den richtigen sprachlichen Ausdruck für einen noch nicht sprachlich ausgedrückten Gedanken finden können?

Ich denke, wir können in diesem Fall, wie so oft, das Problem zum Verschwinden bringen, indem wir genauer zusehen, womit wir es hier wirklich zu tun haben, und uns nicht von sprachlichen Analogien verführen lassen, die die wahren Verhältnisse verschleiern oder verzerren.

Wie wir den richtigen Ausdruck, die richtige Harmonie, den nächsten Schritt im Beweis finden, ist nichts, was wir bewusst oder in der Sprache nachvollziehen können. Es ist ein tiefes Geheimnis, wie wir das machen. Dieser geheimnisvolle Vorgang soll nun sein, was das Wort 'denken' eigentlich bezeichnet.

Wittgenstein behandelt unsere Frage ziemlich wörtlich in § 335 und den folgenden in Philosophische Untersuchungen. Ich werde mir nun erlauben ihn zu zitieren, auch wenn das Zitat, so aus dem Zusammenhang gerissen, wahrscheinlich nicht ganz leicht zu verstehen ist:

335. Was geschieht, wenn wir uns bemühen - etwa beim Schreiben eines Briefes - den richtigen Ausdruck für unsere Gedanken zu finden? - Diese Redeweise vergleicht den Vorgang dem einer Übersetzung, oder Beschreibung: Die Gedanken sind da (etwa schon vorher), und wir suchen nur noch nach ihrem Ausdruck. Dieses Bild trifft für verschiedene Fälle mehr oder weniger zu. - Aber was kann hier nicht alles geschehen? - Ich gebe mich einer Stimmung hin, und der Ausdruck kommt. Oder: es schwebt mir ein Bild vor, das ich zu beschreiben trachte. Oder: es fiel mir ein englischer Ausdruck ein, und ich will mich auf den entsprechenden deutschen besinnen. Oder: ich mache eine Gebärde, und frage mich: "Welches sind die Worte, die dieser Gebärde entsprechen?" Etc.

Wenn man nun fragte "Hast du den Gedanken, ehe du den Ausdruck hattest?" - was müsste man da antworten? Und was auf die Frage: "Worin bestand der Gedanke, wie er vor dem Ausdruck vorhanden war?"

[...]

337. Aber habe ich nicht die Gesamtform des Satzes, z.B., schon an seinem Anfang beabsichtigt? Also war er mir doch schon im Geiste, ehe er noch ausgesprochen war! - Wenn er mir im Geiste war, dann, im allgemeinen, nicht mit anderer Wortstellung. Aber wir machen uns hier wieder ein irreführendes Bild vom 'Beabsichtigen'; d.h., vom Gebrauch dieses Worts. Die Absicht ist eingebettet in der Situation, den menschlichen Gepflogenheiten und Institutionen. Gäbe es nicht die Technik des Schachspiels, so könnte ich nicht beabsichtigen, eine Schachpartie zu spielen. Soweit ich die Satzform im voraus beabsichtigte, ist dies dadurch ermöglicht, dass ich deutsch sprechen kann.

338. Man kann doch nur etwas sagen, wenn man sprechen gelernt hat. Wer also etwas sagen will, muss dazu auch gelernt haben, eine Sprache zu beherrschen; und doch ist klar, dass er beim Sprechenwollen nicht sprechen musste. Wie er auch beim Tanzenwollen nicht tanzt.

Und wenn man darüber nachdenkt, so greift der Geist nach der Vorstellung des Tanzens, Redens, etc.

339. Denken ist kein unkörperlicher Vorgang, der dem Reden Leben und Sinn leiht, und den man vom Reden ablösen könnte, gleichsam wie der Böse den Schatten Schlemihls vom Boden abnimmt. - Aber wie: "kein unkörperlicher Vorgang"? Kenne ich also unkörperliche Vorgänge, das Denken aber ist nicht einer von ihnen? Nein; das Wort "unkörperlicher Vorgang" nahm ich mir zu Hilfe, in meiner Verlegenheit, da ich die Bedeutung des Wortes "denken" auf primitive Weise erklären wollte.

Man könnte aber sagen "Denken ist ein unkörperlicher Vorgang", wenn man dadurch die Grammatik des Wortes "denken" von der des Wortes "essen" z.B., unterscheiden will. Nur erscheint der Unterschied der Bedeutung zu gering. (Ähnlich ist es, wenn man sagt: die Zahlzeichen seien wirkliche, die Zahlen nicht-wirkliche Gegenstände.) Eine unpassende Ausdrucksweise ist ein sicheres Mittel, in einer Verwirrung stecken zu bleiben. Sie verriegelt gleichsam den Ausweg aus ihr.

340. Wie ein Wort funktioniert, kann man nicht erraten. Man muss seine Anwendung ansehen und daraus lernen.

Die Schwierigkeit aber ist, das Vorurteil zu beseitigen, das diesem Lernen entgegensteht. Es ist kein dummes Vorurteil.

Und noch ein kurzes das hierher passt:

383. Wir analysieren nicht ein Phänomen (z. B. das Denken), sondern einen Begriff (z.B. des Denkens) und also die Anwendung eines Worts. So kann es scheinen, als wäre, was wir treiben, Nominalismus. Nominalisten machen den Fehler, dass sie alle Wörter als Namen deuten, also ihre Verwendung nicht wirklich beschreiben, sondern sozusagen nur eine papierene Anweisung auf so eine Beschreibung geben.

384. Den Begriff  'Schmerz' hast du mit der Sprache gelernt.

[Die Rechtsschreibung in den Zitaten ist an die moderne Rechtschreibung angepasst.]

Diese Zitate, und überhaupt das Argument in dem heutigen Beitrag, nehmen eine Hypothek auf die Antwort, die ich zum ersten Problem zu geben verspreche, um das zweite Problem aufzulösen, wenn man vielleicht auch schon ahnt, wie die Behandlung des ersten Problems aussehen wird. Das heißt, man muss mir hier glauben, dass unsere Fähigkeit zu denken wesentlich zusammenhängt mit unserer Fähigkeit zu sprechen; jedenfalls konzentriere ich mich hier auf das andere Problem: "Denken ist ein geheimnisvoller Vorgang". Ich denke die obigen Zitate haben weitgehend die Bühne vorbereitet dafür, was als nächstes kommen muss - ich muss nur noch die Fäden zusammenführen; oder jedenfalls hoffe ich das.